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Er ist bekannt und, zwar nicht bei politischen Gegnern, so doch in der Bevölkerung aufgrund seiner Eloquenz auch beliebt. Doch trotz einer langen politischen Karriere und dem Fraktionsvorsitz der Linken im Deutschen Bundestag, ist er nicht der Berühmteste in seiner Familie. Seit Doris Lessing 2007 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, steht fest: Gregor Gysi ist vor allem eines – Doris Lessings Neffe. „Utopien enden meist in Konzentrationslagern“, hat Doris Lessing einmal gesagt. Für ihren Neffen hat sie wärmere Worte: Er sei ein „romantischer Sozialist“.

Doris Lessing war in zweiter Ehe mit dem Kaderkommunisten Gottfried Lessing verheiratet, dem Bruder von Gysis Mutter Irene. Irenes Großvater war Jude. Ihre Schwiegermutter ebenfalls. „Nach den Nürnberger Rassegesetzen bin ich nur zu 37,5 Prozent jüdisch, nach den jüdischen Gesetzen bin ich überhaupt kein Jude, weil ich keine jüdische Mutter habe“, sagte Gregor hierzu wiederholt. Er selbst sei überhaupt kein religiöser Mensch. Seine jüdische Großmutter habe ihm immer die Welt in Form von Juden und Nichtjuden erklärt. „Das ging mir auf die Nerven“, erinnerte sich Gysi. „Eines Tages sagte ich: Es genügt mir, wenn du sagst: Das ist ein guter oder ein schlechter Komponist – und nicht, ob er jüdisch ist oder nicht.“ Für seinen Vater Klaus war entscheidend, dass jemand Kommunist war. Denn das war selbstbestimmt und nicht durch Geburt festgelegt.

Gregor wuchs in der DDR auf. Klaus Gysi war im kommunistischenWiderstand gegen den Nationalsozialismus aktiv gewesen, von 1966 bis 1973 war er Minister für Kultur und von 1979 bis 1988 Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR. Zu den Merkwürdigkeiten des DDR-Antifaschismus gehörte, daß „jüdischstämmige“ Menschen ihre Herkunft verschwiegen. Denn für die DDR war das „zionistische“ Israel ein Unstaat, „so etwas wie ein Staat jüdischer Nazis“, zumindest aber „Lakai des US-Imperialismus“. Doch nach der Wende zog selbst der „kommunistische Atheist“ Gregor seine jüdische Herkunft auf PDS-Wahlplakate. „Bis Juni 1990 bin ich nie Jude gewesen, das haben erst die Medien in der BRD aus mir gemacht“, hat Gysi offenherzig bekannt.

Dennoch bekam Gregor viele antisemitische E-Mails, seit er auf Facebook am 9. November 2013 zum Kampf gegen Antisemitismus aufgerufen hatte. „Ich weiß zwar, dass es in Deutschland einen zum Teil tief sitzenden Antisemitismus gibt“, sagte er der „Welt“. „Aber man traut sich eigentlich nicht, ihn öffentlich zu zeigen.“ Das Internet biete diesen Menschen aber die Möglichkeit, dies kundzutun, „ohne dass man ermittelt wird“. Es gebe sogar Postings unter vollem Namen.

Am 10. November 2014 wird Gregor von zwei Männern bis in den Vorraum einer Toilette verfolgt und dabei gefilmt. Einer ruft ihm auf Englisch zu, Gregor habe ihn als Antisemiten bezeichnet, nun sei seine Rückkehr nach Israel bedroht. „Wollen Sie dafür die Verantwortung übernehmen“, schreit er Gregor an. Dieser, sichtlich erschrocken, drückt gegen die Tür und brüllt: „Raus! Raus mit dir!“ David Sheen und Max Blumenthal, die Gysi auf dem Flur verfolgten, sind als besonders scharfe Kritiker Israels bekannt.

Sheen, der die Kamera auf Gregor richtete und ihn anschrie, stammt aus Kanada und lebt in Israel. Er betreibt dort eine Homepage, auf der er unter anderem der israelischen Gesellschaft Rassismus gegen eingewanderte Afrikanern vorwirft. Max Blumenthal wiederum, ein US-Publizist, hat in der Vergangenheit Israel mit Nazi-Deutschland und in jüngster Zeit mit dem „Islamischen Staat“ verglichen. In seinem Buch „Goliath“ werden Israelis als „Judaeo-Nazis“ bezeichnet – was ihm 2013 eine Erwähnung unter den zehn schlimmsten antisemitischen Äußerungen auf der Liste des Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles einbrachte.

Dabei müssten alle wissen, dass ein „jüdischstämmiger Mensch“ nichts mit dem „Juden“ zu tun hat, sondern vielmehr der Ariernachweis. Gemäss der Nürnberger Gesetze von 1935 ist genau definiert, wie viele jüdische Vorfahren man haben muss, um sich nach Auschwitz deportieren zu lassen. Wer Gregor als „jüdischstämmig“ beschreibt, wendet die Nürnberger Gesetze an und beruft sich auf die Methode, Menschen in Achtel-, Viertel- oder Halbjuden einzuteilen. Erstens ist ein „Halbjude“ jedoch zugleich auch ein „Halbchrist“ oder „Halbmoslem“ ist, falls die Religionszugehörigkeit das relevante Kriterium wäre. Sollte wie bei den Nazis die „Rasse“ ausschlaggebend sein, wäre Gysi zweitens zugleich ein „Dreiviertel-Arier“, ein „Halbrusse“ und ein „Viertel-Adeliger“. Zudem ist er ein Deutscher.

Die Einteilung des Menschen in Rassen stammte aus der Zeit der Aufklärung, als der alte Vorwurf, Juden seien „Gottesmörder“, nicht mehr zog. Um jedoch weiterhin die Juden hervorzuheben, besann man sich auf Sprachfamilien: Juden wurden zu „Semiten“ ernannt, weil das Hebräische zur Familie der semitischen Sprachen zählt, wie das Arabische. Das Hebräische wurde aber erst vor etwa hundert Jahren wiederbelebt. Bis dahin sprachen die Juden die jeweilige Sprache des Landes, in dem sie lebten. Wenn die Sakralsprache der Juden ausschlaggebend für deren Rassenbezeichnung ist, müssten alle katholischen Chinesen, Kongolesen, Araber und Deutsche zur Rasse der Katholiken gehören, da doch einst das Lateinische deren Sakralsprache war.

Nun muss man fragen, wie „stämmig“ eigentlich die anderen Teilnehmer bei dem Schauspiel um Gregor sind. Bei den wenigsten Protagonisten steht dabei, ob oder wie sie getauft sind. Wenn aber der „Glaube“ so relevant ist, wie im Falle von Gregor, sollten sich alle beeilen, dieses Element in ihren Biografien zu vervollständigen. Denn wie sonst kann man bei ihnen die ach so relevante „Stämmigkeit“ ermitteln?

 

 

2 Kommentare zu „Das Problem mit Gregor Gysi als „jüdischstämmiger“ Mensch

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