Teil 2 der Rattenlinien-Trilogie

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Ursula Haverbeck und Horst Mahler beim Rudolf Heß-Marsch in Wunsiedel 2004

Die mehrfach vorbestrafte 88-jährige notorische Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck ist am Montag erneut wegen Volksverhetzung gemäß § 130 StGB zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. (Quelle: juedische-allgemeine.de) Haverbeck ist wie die meisten Holocaust-Leugner Antisemitin und betrachtet das Leugnen als notwendige Voraussetzung dafür, wesentliche Ziele des Nationalsozialismus politisch wieder zustimmungsfähig zu machen.

Bei einigen spielt auch Verdrängung eine Rolle: Der NS-Völkermord war so abscheulich, dass die (auch ohne „Siegerjustiz“ natürlicher Weise) empfundene Schuld als Deutscher für viele unerträglich bleibt. Am Beispiel Horst Mahlers weiche ich von der Goldwater-Regel von 1973, die Ferndiagnosen verbietet, ab, da Mahler wie kaum ein anderer Spuren im Internet hinterlassen hat. Ich möchte die Psychodynamik des Holocaust-Leugners aufzeigen. Die „Rattenlinien“, eine US-Bezeichnung für Verbindungsrouten führender Vertreter des NS-Regimes nach Ende des Zweiten Weltkriegs, stehen dabei für die Tatsache, dass die Greueltaten der Nazis psychologisch bis heute wirken.

Die „Rattenlinien“ der Altnazis

Im Juni 1970 machte sich in West-Berlin eine Reisegesellschaft der besonderen Art auf den Weg. Der Anführer der Gruppe war Horst Mahler, der wegen der Befreiung Andreas Baaders von der Polizei gesucht wurde. Mit ihm fuhren je zwei junge Männer und Frauen zum Ost-Berliner Flughafen Schönefeld. Das vergleichsweise exotische Reiseziel war Damaskus. Auf allen fünf Beteiligten lastete der Vorwurf des versuchten Mordes. Die Reise in den Nahen Osten war eine Flucht aus Berlin.

Die Vertreter der Fatah, des bewaffneten Arms von Jassir Arafats PLO, bekundigten ihre Hitler-Zuneigung und organisierten für ihre Gäste in der jordanischen Haupstadt Amman ein Polit-Touristen-Programm. Die aber erklärten nach den obligatorischen Besuchen in Flüchtlingslagern und Waisenhäusern: „Das ist ja alles sehr interessant, aber wir wollen eine Ausbildung. Wir wollen Waffen. Wir wollen an die Front!“

Die Palästinenser brachten sie in ein Fatah-Lager unweit von Amman, in dem sich bald auch der Rest der Berliner einfand. Nun standen für die 14 Lehrlinge der Weltrevolution Dauerlauf, Schießübungen und Nahkampf auf dem Ausbildungsprogramm. „Horst Mahler war so eifrig dabei“, erinnert sich ein Teilnehmer, „als ob er schon immer Soldat werden wollte.“ Andreas Baader habe, wie üblich, gleich angefangen zu motzen. Er fand es für angehende Stadtguerilleros sinnlos, Nahkampf mit dem Bajonett zu üben.

Die Führung der Gruppe bestand aus dem Bohemien Andreas Baader, dem Anwalt Horst Mahler, der Doktorandin Gudrun Ensslin und der Journalistin Ulrike Meinhof -alles ehrgeizige und durch Begabtenstipendien geförderte junge Leute, außer Baader, der zwar ebenfalls als begabt galt, aber wegen undisziplinierten und gewalttätigen Verhaltens von mehreren Schulen geflogen war. Der Ex-Freund Meinhofs, Peter Homann, begann bald, gegen Baader und sein Chefgehabe zu opponieren. Es begann eine Diskussion darüber, ob Homann umgelegt wird oder nicht: Dieser galt als potentieller Verräter. Mahler sagte hierzu später in einem ZEIT-Interview:

„Ich war strikt dagegen. Wenn das nur aufgrund eines bestimmten Verdachts passiert, dann wird als nächstes jeder im anderen seinen Mörder sehen. Es kam dann anders, die Palästinenser hatten eine sehr klare Haltung, die uns fürchterlich beschämte. Peter Homann hat jedenfalls diese Situation überlebt. Da konnte man sehen, daß wir alle anfällig sind für das, was wir eigentlich bekämpften: die Preisgabe aller Menschlichkeit, nur um die eigene Machtposition als Gruppe zu sichern.

Andreas Baader hatte auch seine warmen Seiten, er war nicht der kalte Killer. Aber in der Diskussion über Peter Homann ist die Tendenz (zur Faschisierung) deutlich geworden. Da war Baader der Wortführer. Was mir aber auch sehr zu schaffen gemacht hat: Ulrike Meinhof, die mit Peter Homann mal zusammengelebt hat, sprach sich für Homanns Liquidierung aus.“ (Quelle: glasnost.de)

Nach einer Schlägerei zwischen Baader und Homann wurde der Dissident von den Palästinensern nach Hause geschickt. Als die Führungsriege sich im August 1970 wieder in West-Berlin gesammelt hatte, musste endlich ein Name für die Gruppe her. Horst Mahler plädierte für „Des Geyers schwarzer Haufen“ – in Anlehnung an Florian Geyer, einen Führer in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts. Das fanden die meisten absurd. Da sie sich als Kommunisten in der Tradition Lenins verstanden, wurde schließlich Gudrun Ensslins und Ulrike Meinhofs Vorschlag angenommen: Rote Armee. Den Zusatz „Fraktion“ wählten die Rotarmisten, um klarzumachen, dass die Gruppe der bewaffnete Arm einer zukünftigen kommunistischen Partei sei.

Als Vorbilder dienten den RAF-Gründern weniger die Palästinenser, sondern Guerilla-Gruppen aus Südamerika, die dort einen Kleinkrieg gegen korrupte Diktaturen aufgenommen hatten. Besonders imponierte ihnen der brasilianische Revolutionär Carlos Marighella. „Das Minihandbuch von Marighella war die Bibel der RAF“, so ein Gründungsmitglied, „und ihr Laienprediger war Andreas Baader.“ In der Anleitung heißt es: „Die Logistik des Stadtguerilleros, der bei null anfängt und zunächst über keine Stütze verfügt, kann mit der Formel ,M G W M S‘ beschrieben werden: Motorisierung, Geld, Waffen, Munition, Sprengstoff.“ Am liebsten fuhren sie gestohlene Mercedes-Limousinen der Typen 220 oder 230. Doch Marighellas „Vorexamen, in dem die Technik der Revolution erlernt wird“, war der Bankraub.

Im September 1970 trat die RAF in West-Berlin zur Prüfung an: Innerhalb von zehn Minuten registrierte die Polizei Überfälle auf drei Bankfilialen. In Anklageschriften und Urteilen hieß es später, die RAF habe alle drei Überfälle zu verantworten. In Wahrheit gingen nur zwei auf das Konto der RAF, einen erledigte die anarchistische „Bewegung 2. Juni“. Die Fake News wurde aber von den meisten RAF-Chronisten als historische Wahrheit übernommen. Die Beute der RAF, über 209.000 Mark, nahm Gudrun Ensslin als Kassenverwalterin in Verwahrung. Die Gruppenmitglieder hatten – Ordnung musste sein – bei ihr Listen mit ihren Ausgaben einzureichen. Ulrike Meinhof regte sich immer auf, wenn „Revolutionsgeld“ verschwendet wurde.

Oktober 1970, neun Tage nach den Banküberfällen: Ein anonymer Anrufer hatte einem Beamten der Politischen Polizei berichtet, dass Andreas Baader sich in einer Wohnung in der Knesebeckstraße 89 in Charlottenburg aufhalte. Nach kurzer Observation brachen Kripobeamte in die Wohnung ein und fanden auf dem Balkon eine junge Frau, bewaffnet mit einer Pistole, die in ihrem Hosenbund steckte. Sie wurde als die Medizinstudentin Ingrid Schubert identifiziert. Sieben Jahre später, im November 1977, erhängte sie sich in der Münchner Haftanstalt Stadelheim. Nur 20 Minuten nach Schubert ging den Polizisten in der konspirativen Wohnung ein Mann ins Netz: Die Kripobeamten zogen ihm eine durchgeladene Pistole aus der Gesäßtasche und eine Perücke vom Kopf. „Kompliment, meine Herren“, sagte Horst Mahler. Damit ging das zweite Leben von „James“, Mahlers Deckname in der RAF, zu Ende.

(Quelle: 1.spiegel.de)

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Horst Mahler (Mitte) mit seinen Verteidigern Hans-Christian Ströbele (links) und Otto Schily 1972

Mahlers Vater Willy war strammer Nazi, sein Onkel der SA-Führer Reinhold Nixdorf. Als kleiner Junge hatte sich Mahler die Haare wie Hitler geschnitten, sich auf einen Schemel gestellt und Führerreden gehalten: Er wollte Politiker werden. (Quelle: 1.zeit.de) Eines Tages erzählte ihm seine Mutter unter Tränen, dass auch Juden unter seinen Vorfahren waren. (Quelle: ynet.co.il) Mahler war nach den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 1/8 Jude, damit noch knapp ein „Arier“. Die Familie floh 1945 vor der anrückenden Roten Armee aus Niederschlesien nach Naumburg, später siedelte sie nach Dessau-Roßlau über. Eines Sonntags im Jahre 1949 erschoß sich Mahlers Vater nach dem Frühstück der Familie im Garten. Er hatte den Untergang des großdeutschen Reichs nicht verkraftet. Obwohl antikommunistisch geprägt, ließ Mahler es 1949 zu, als 13-Jähriger zum Vorsitzenden der FDJ-Gruppe an seiner Schule gemacht zu werden. Hierzu sagte Mahler später der ZEIT:

„Das ist beinah schon grotesk. Ich hatte ein traumatisches Erlebnis in der damals gerade erst gegründeten DDR. Obwohl ich erst dreizehn war, also noch nicht das satzungsmäßige Alter hatte, wurde ich zum Vorsitzenden der neuen FDJ-Schulgruppe gemacht. Obwohl ich im Elternhaus antikommunistisch beeinflußt wurde, habe ich mitgemacht. Aus rein opportunistischen Überlegungen: Ich wollte studieren. Da ich aus einer kleinbürgerlichen Familie stammte, also praktisch zu m Klassenfeind gehörte, wäre das nicht möglich gewesen. Von der FDJ-Leitung wurde mir zugesichert, daß ich studieren dürfte, wenn ich mich ihr zur Verfügung stelle. Mir wurde damals schon klar, daß ich mich praktisch hatte kaufen lassen. Die Familie verzog bald nach West-Berlin. Um meine eigene Vergangenheit zu verarbeiten, setzte ich mir hier in den Kopf, den Marxismus zu widerlegen. Daraus wurde nichts. Marx und Lenin überzeugten mich. Sie gaben mir die Möglichkeit, die jüngste deutsche Geschichte als Fäulniserscheinung des zum Untergang verurteilten Kapitalismus zu sehen. Das war für mich zugleich der Freispruch von der Kollektivschuld. Ich blieb also an Marx und Lenin kleben.“ (Quelle: glasnost.de)

Mit einem damals sehr seltenen 1,0-Abitur und als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte Mahler Rechtswissenschaften an der FU Berlin. Ein Schulkamerad und der Wunsch, irgendwo dazuzugehören, führten Mahler 1953 in die schlagende Landsmannschaft Thuringia – auch sein Vater war Mitglied in einer schlagenden Verbindung gewesen. An deren Trink- und Verhaltensregeln fand Mahler einiges abstoßend, aber nicht so, daß es ihm unerträglich gewesen wäre. (Quelle: 2.zeit.de) 1956 stieg Mahler aus der „Thuringia“ aus, um in die SPD einzutreten. Hierzu Mahler:

„Ich bin in die SPD eingetreten. Dort bin ich bald an Wände gestoßen, die unsichtbar waren, aber sehr hart. Ich habe sehr schnell die Leitung der Jungsozialistengruppe in Charlottenburg übertragen bekommen. Meine erste Veranstaltung war der Vortrag eines ausgewiesenen Trotzkisten, Mitglied der SPD, der bei den Nazis und bei Stalin im KZ war, eine durch und durch integre Person. Der hat dafür plädiert, daß Deutschland aus der Nato austritt, und mir damit mein erstes Parteiausschlußverfahren eingebracht. Aber die Partei wollte mich halten. Man ist an mich herangetreten mit den Worten: „Du bist Jurist, du kannst reden. Damit hast du eine glänzende Karriere in der Partei vor dir, aber du mußt abschwören.“ Das sind offensichtlich die Dinge, die man können muß. Ich bin nicht darauf eingegangen. Ich habe dann auch keine Karriere gemacht in dieser Partei. Der Rest ist bekannt.“ (Quelle: glasnost.de)

Als Anwalt verteidigte Mahler ab 1964 das Who is Who der Apo – mit zum Teil sensationellen Erfolgen. (Quelle: 2.zeit.deMahlers Kinder Wiebke und Axel meinen über ihren Vater: Wenn er sich an einem Fall festgebissen habe, dann habe er mit dem Tunnelblick eines Besessenen nicht mehr losgelassen und alle Hebel in Bewegung gesetzt. (Quelle: derfallhorstmahler.files.wordpress.com) Wie nach seiner Beschäftiung mit Marx machte sich Mahler mit der Apo gemein. Mahler hierzu:

„Das ist ein Prozeß, in dem man aus einem Dämmerzustand in ein etwas wacheres Bewußtsein übergeht, zum Beispiel weil man tätig ist und bestimmte Erfahrungen sammelt. Eine Situation erinnere ich noch, wo die Stimmung von einem Tag auf den anderen umschlug. Am Abend des 1. Juni 1967, also am Tag vor dem Schah-Besuch, gab es eine große Veranstaltung im Auditorium maximum der FU. Es sprach Bahman Nirumand über die Verhältnisse in Persien. Der SDS, der schon immer etwas weiter war, nutzte diese Veranstaltung, um auf der Empore die Fahne des Vietcong zu entrollen. Die Studenten auf der Empore stürzten sich auf diese SDSler und entrissen ihnen die Fahne. Das war ihnen schon zu kommunistisch. Am nächsten Tag, nach dem „Reinstechen in die Leberwurst“ vor der Oper, wurde diese Fahne in den Seitenstraßen die Fahne der Studententrupps, die von der Polizei gejagt wurden. Von Stund an war das Banner des Vietcong die Fahne der Bewegung. So schnell gehen Bewußtseinsprozesse.“ (Quelle: glasnost.de)

Ende 1969 fuhr Mahler zu Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die sich in Rom versteckt hielten, um eine Terror-Gruppe zu gründen. Hierzu Mahler:

„Ich hatte Verbindung mit ihnen, weil ich ja ihr Verteidiger war und wußte, wo sie sich aufhalten. Ich hatte hier in Berlin verschiedene Diskussionszirkel. An einem war Rudi Dutschke maßgeblich beteiligt. Da wurde zum Beispiel eine Nato-Kampagne aus der Taufe gehoben, bei der sich Rudi sehr klar für militante Aktionen ausgesprochen hat, um die Nato als politischen Feind zu „markieren“. Von daher weiß ich, daß Rudi durchaus nicht der Pazifist war, für den man ihn heute gerne hält, um ihn noch im nachhinein als Helden der Bewegung vor sich hertragen zu können. Ich fand die Position, die er vertreten hat, absolut richtig. Deswegen bin ich vorher (vor der Reise nach Rom) zu ihm nach London gefahren, um mich mit ihm darüber zu unterhalten, was man tun könnte und sollte. Wir sind im Dissens, aber nicht unfreundschaftlich auseinandergegangen.“ (Quelle: glasnost.de)

Der ehemalige Mandant von Mahler Fritz Teufel sagte einmal: „Egal, wie wir uns nannten – Zwoter Juni oder Erraeff -, im Grunde waren wir alle Haschrebellen.“ Hierzu Mahler:

„Ich kenne nicht die begriffliche Ausfüllung dieses Wortes „Haschrebellen“, die Fritz Teufel zugrunde legt. Ich habe jedenfalls nie gehascht. Ich bin von Mitgliedern der Kommune I ständig ermuntert worden, diese Erfahrung doch nun endlich mal zu machen. Da ich selbst nicht rauchen kann, hat man sich erboten, das mit Plätzchen oder Tee zu bewirken. Rainer Langhans hat mir ganz rührend einen solchen Tee gebrüht, aber es hat sich bei mir nichts abgespielt. Für meine Person kann ich das nicht bestätigen.“ (Quelle: glasnost.de)

Nach Bombenanschlägen, Bankrauben und Baaders Befreiung folgte die Flucht nach Jordanien und im Oktober 1970 die Verhaftung in Berlin. Mahlers Verteidigung übernahmen Hans-Christian Ströbele und Otto Schily. Mahler und Schily waren sich zum ersten Mal Mitte der sechziger Jahre als Gegner in einem Berliner Gerichtssaal begegnet. Es ging um eine Erbangelegenheit. Scharfer Verstand war auf scharfen Verstand getroffen, Eisigkeit auf Eisigkeit. Schily hatte gewonnen. Mahler war beeindruckt. Dennoch wurde Mahler zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Schily sagte später, dass er Mahler damals gut verteidigt habe, aber dann habe dessen Schlusswort alles zunichte gemacht: „Mit den Bütteln des Kapitalismus redet man nicht, auf die schießt man“, sagte Mahler zu den Richtern. (Quelle: 3.spiegel.de)

Während Mahlers Haftzeit entstand 1971 das RAF-Manifest „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“, ein richtig kleiner Clausewitz-Text: Ein Krieg wurde erklärt. Hatte Mahler damals wirklich das Gefühl, sich im Krieg zu befinden? Mahler hierzu:

„Da war vielleicht ein Widerspruch zwischen Gefühl und Überzeugung. Vom Gefühl her befand man sich natürlich nicht im Krieg. Es war sehr bequem, hier zu leben, man war ja relativ sicher. Von der Überzeugung her waren wir absolut durchdrungen von dem Gedanken, daß ein Weltbürgerkrieg stattfindet, in dem wir eine Rolle zu spielen haben.“ (Quelle: glasnost.de)

Im Gefängnis von Stammheim wurde „Die Maßnahme“ von Brecht diskutiert. Dort gibt es den Vers: „Welche Niedrigkeit begingest du nicht, um / Die Niedrigkeit auszutilgen?“ Ein wesentlicher Grund zur Revolte der 68er war der Kampf gegen die Naziväter. Die Opfer der Nazis waren die Juden. Und dann gehen die Kinder zur Al Fatah, deren Ziel es war, die Juden ins Meer zu treiben und die Überlebenden auszurotten? Hierzu Mahler:

„Ich kann das sogar noch mehr zuspitzen. In Berlin tauchten 1969 diese Pattex-Bomben auf. Beim Landgerichtsdirektor Brandt ist eine hochgegangen, eine andere, die Gott sei Dank nicht hochgegangen ist, wurde im Jüdischen Gemeindehaus gefunden. Ich wußte, wer sie dorthin gebracht hatte, und habe das aufs heftigste kritisiert – genau mit dieser Erinnerung an das, wo wir herkommen. Die mich schlechthin entwaffnende Antwort lautete: „Ja, wenn du so genau Bescheid weißt über den richtigen Einsatz von Gewalt, warum machst du’s dann nicht?“ Das war der Moment, da ich an konkrete Vorbereitungen gegangen bin und Leute gesammelt habe. Ich bin mit dieser Geschichte überhaupt nie ins reine gekommen. Eine traumatische Geschichte, aber Sie sehen, wir haben uns darauf eingelassen.“ (Quelle: glasnost.de)

Die Haftzeit nutzte Mahler zum intensiven Studium des deutschen Philosophen Georg
Wilhelm Friedrich Hegel, des Begründers der modernen Dialektik. Mahler wollte nach dem „Polemiker“ Karl Marx das „Original“ lesen. Otto Schily brachte ihm die 20-bändige Gesamtausgabe von Hegels Werk ins Gefängnis (Quelle: faz.net), während sich Hans-Christian Ströbele um Mahlers Familie kümmerte. Bei Hegel stiess Mahler auf ein Prinzip, das zu seinem neuen Lebensmotto werden sollte: «Bis Hegel galt der Satz: „Was auf einen Widerspruch führt, kann nicht wahr sein.“ Und Hegel sagt: „Nein, es ist genau umgekehrt: Das, was nicht auf einen Widerspruch führt, ist unwahr, und der Widerspruch ist das Zeichen der Wahrheit.» (Quelle: youtube.de) Einmal wieder hatte Mahler sich mitnehmen lassen.

(Quelle: wikipedia.de)

Mahler ging während seiner Haft auf Distanz zur RAF. 1974 wurde er von der RAF ausgeschlossen, ein Jahr später sagte er sich auch von der politischen Gewalt los.
(Quelle: derfallhorstmahler.files.wordpress.com) 1980 erreichte sein Rechtsanwalt, der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), seine Strafaussetzung zur Bewährung. Schröder verhalf Mahler 1987 auch zur Wiederzulassung als Anwalt. (Quelle: 4.spiegel.de)

Für Mahler begannen Jahre der Stille. Er machte seinen Job, er las die Zeitung, er brütete. Er erinnerte sich an die schöne Zeit seiner Kindheit in seiner niederschlesischen Heimat Haynau, an die reizvolle Landschaft, die Bauerndörfer, für deren Bewohner sein Vater als Zahnartzt wirkte, an den Sonnenschein und die Tischgebete, die auch Hitler einschlossen, damit „Gott Adolf Hitler beschützen möge“. Mahlers neues Thema wurde die Angst vor dem Fremden. (Quelle: youtube.com)

Von seinem Büro unter dem Dach seines Häuschens in Kleinmachnow aus schürte Mahler fortan die Angst vor Migranten via Internet und Interviews und fördert damit die Gewalt gegen sie. So ist er sich als ewiger Dissident, der seine Sache bis in den Irrsinn vertritt, treu geblieben – mit einem Faible für Gewalt. Nur findet er diesmal keine namhaften Verbündeten mehr. Erfolglos versucht er zu erklären, dass sich seine Verbalattacken gegen das Judentum angeblich nicht gegen die Juden als Menschen oder Rasse richteten, sondern gegen eine Religion.

(Quelle: 3.spiegel.de)

Die „Rattenlinie“ des Willy Mahler

Im Dezember 1997 hielt Mahler in Stuttgart eine Laudatio zu Günter Rohrmosers 70. Geburtstag. Darin forderte er, das „besetzte“ Deutschland müsse sich von seiner „Schuldknechtschaft“ zum aufrechten Gang seiner „nationalen Identität“ befreien. (Quelle: web.archive.orgDamit begann Mahlers drittes Leben. Mahler mutierte fortan mit seiner Kampf- und Lebensgefährtin Sylvia Stolz zum Vordenker der Reichsbürger. Zu den Organisationen, die er gründete oder unterstützte, gehören die »Reichsbürgerbewegung« (2003) und die »Völkische Reichsbewegung« (2007).

Mahlers Handeln zielt seither auf eine Wiederherstellung der »Handlungsfähigkeit des Deutschen Reiches« ab. Als gültigen Rechtsstand gibt er den 7. Mai 1945 an. Mahler will eine Rückkehr zum Nationalsozialismus. Für dieses Ziel engagierte er sich ab Mitte der 1990er Jahre im Deutschen Kolleg gemeinsam mit Uwe Meenen, heute Vorsitzender des Berliner Landesverbands der NPD, und Reinhold Oberlercher, ebenfalls Ex-Apo-Mann und heutiger Rechtsextremist.

Später ging Mahler mit seinem Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten seinen eigenen Weg. Seine Stellvertreterin wurde Ursula Haverbeck (Quelle: 1.belltower.news). Mahler sieht eine jüdische Weltverschwörung am Werke, deren Aufgabe es sei, das deutsche Volk in Knechtschaft zu halten. Dazu bedienen sich nach Ansicht Mahlers »die Juden« des »sogenannten Holocaust[s]«. (Quelle: amadeu-antonio-stiftung.de)

(Quelle: 2.belltower.news)

2002 stießen Horst Mahler, Otty Schily und Hans-Christian Ströbele erneut aufeinander. Doch Schily und Ströbele gingen sich mittlerweile aus dem Weg, und Mahlers Nähe wäre beiden zuwider gewesen. Das Trio auf dem obigen Foto hatte noch ein gemeinsames Ziel: Sie sahen den Staat als Bewahrer sozialer Ungleichheit, als Unterdrücker politischer Freiheit, als Vasallen der USA. Sie wollten eine andere Republik. Uneins waren sie sich über den Weg dorthin. 30 Jahre später war es nicht mehr möglich, die Drei für ein gemeinsames Foto zu gewinnen.

Gleichwohl verband sie noch immer diese intellektuelle Kälte, der reine Verstand, dem Herz zu zeigen nicht einfällt. Es ist auch eine Abschottung aus dem Gefühl heraus, die Wahrheit allein zu kennen. Alle drei wirken dick gepanzert, Ströbele gegen die Veränderungen der Welt, Schily gegen die Menschen in seiner Umgebung, Mahler gegen alle guten Geister. Und sie waren wieder vereint in der Affäre um das Verbot der NPD. Innenminister Schily bereitete das Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht vor. Ströbele war Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste.  Mahler war seit 2000 Mitglied der NPD und ihr Prozessbevollmächtigter in Karlsruhe. Die Geschichte wiederholte sich: Anwalt Mahler hatte das Schicksal eines Mandanten zu
seinem eigenen gemacht.

Mahler saß bei sich zu Hause in Kleinmachnow vor dem Fernseher und sah, wie Schily ans Rednerpult im Bundestag schreitet, während er Besuch von einem Spiegel-Redakteur hatte. Er stand auf, holte einen Schreibblock und einen Stift, setzte sich wieder. Er trug keine Schuhe, nur Socken. „Bei der NPD handelt es sich eindeutig um eine antisemitische, antidemokratische, verfassungsfeindliche Partei“, sagte Schily. Seine Stimme schnarrte, er näselte. Mahler regte sich nicht. Als sein kleiner Hund zum Fernseher lief, pfiff er ihn zurück, ein kurzer, schriller Pfiff. Der Hund machte sofort kehrt. Schily redete, Mahler lauerte, ein Fernduell.

Schily war der Repräsentant eines Staats geworden, den Mahler nach wie vor hasst. Er hasst ihn wegen der „Repressionspolitik“ und der „Vasallität“ gegenüber den USA: Mahler redete wie früher. Neu war nur der Rassismus. „Asylbewerber müssen ins Lager und dann zurück.“ Sonst „geht das Land den Deutschen verloren“. Es war Zeit zu gehen. Das Hündchen stürmte bellend zur Tür, Mahlers Socken wischten über die Dielen. Zum Abschied sagte er: Wenn seine NPD die Macht hat und „die Regierung für das, was sie verbricht, zur Verantwortung gezogen wird“, wolle er für Schily „ein Gnadengesuch stellen“, aus alter Freundschaft: Schily stand wegen seiner Informationspolitik in Bezug auf V-Männer des Verfassungsschutzes aus der Naziszene in der Kritik. Mahler gewann den Prozess. Kurz darauf verließ er die NPD wieder mit der Begründung: „Die NPD ist eine am Parlamentarismus ausgerichtete Partei, deshalb unzeitgemäß und – wie das parlamentarische System selbst – zum Untergang verurteilt.“ (Quelle: tagesspiegel.de)

(Quelle: 3.spiegel.de)

Im Oktober 2007 gab Mahler Michel Friedman für die Vanity Fair ein Interview. Mahler begrüßte Friedmann mit Hitlergruß und „Sieg Heil“. Der obige Audio-Mitschnitt ist unerträglich anzuhören, nicht nur wegen Friedmans fortwährendem Ins-Wort-Brüllen, sondern vor allem wegen Mahlers Ausführungen: Er leugnete wiederholt den Holocaust und bezeichnete sich stolz als „Nationalsozialist“ und Adolf Hitler als „Erlöser des deutschen Volkes“. Aber Friedman gelang es, Mahlers Motivation für dessen politisches Engagement herauszuarbeiten: Die Bilder von Leichenbergen in den Konzentrationslagern hätten Mahler sein „ganzes Leben lang verfolgt“, so dass er sich dazu „berufen“ gefühlt habe, sich mit der Shoa und der deutschen Schuld zu beschäftigen. Diese Auseinandersetzung leitete Mahler auch biographisch über den Suizid seines Vaters her. Mahler begriff seinen Kampf „gegen die maßlose Dämonisierung dieser Zeit“ sowie gegen die „Lügen, die man über uns kübelweise ausgeschüttet hat“, als eine Art Fortsetzung der Lebensweise seines Vaters.

Diesen Kampf führe Mahler bereits seit den 1960er Jahren – damals freilich noch mit anderen Begrifflichkeiten und mit einem anderen „Bewusstseinsgrad“. Damals habe Mahler die „Lügen“ über die Schuld des „deutschen Volkes“ an den Verbrechen während der nationalsozialistischen Herrschaft „geglaubt“ und habe sich deswegen im Rahmen der ehemaligen Protestbewegung gegen die als Fortsetzung dieser Verbrechen verstandene BRD engagiert. Damals wie heute sei jedoch der „Feind […] derselbe“ – damals der „US-Imperialismus“, heute die jüdische Weltherrschaft „USraels“.

Im Ausbildungslager der El Fatah habe Mahler noch „Schuldgefühle gegenüber den Juden“ gehabt und sei „peinlich berührt“ gewesen als ihm El Fatah-Mitglieder ihre Hitler-Zuneigung bekundet hatten. Dieses „Schuldgefühl“, das Mahler mittlerweile für einen Ausdruck und ein Herrschaftsmittel der jüdischen „Fremdherrschaft“ hält, sei das zu überwindende Problem: „Diese ganze Geschichte bestimmte mein ganzes Leben, und mein Leben ist nur zu verstehen aus dieser Geschichte heraus.“

Als der Spiegel-Redakteur Mahler und sein Hündchen in seinem Häuchen mit Gärtchen zwischen ähnlichen Häuschen mit ähnlichen Gärtchen besucht hatte, sagte Mahler gerne das Wort „Lager“. Er hatte die Assoziation gewollt. Nur wenige Wochen nach dem Vanity Fair-Interview wurde er auf Grund einer Anzeige Friedmans zu einer Gefängnisstrafe von 10 Monaten verurteilt. Bereits im April 2004 war über Mahler wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Staates eine Freiheitsstrafe von 9 Monaten und ein vorläufiges Berufsverbot verhängt worden, (Quelle: belltower.news) 2005 eine fünfmonatigen Freiheitsstrafe, die er mangels Einsicht und Reue auch verbüssen mußte. (Quelle: derfallhorstmahler.files.wordpress.com) In weiteren Prozessen wurde Mahler 2008 und 2009 wegen Volksverhetzung in 15 Fällen schließlich eine Gesamtstrafe von zwölf Jahren auferlegt.

Im Zuge einer schweren Infektion, in deren Verlauf ihm der linke Unterschenkel amputiert werden musste, entwickelte Mahler eine schwere Sepsis. Im Juli 2015 gewährte die Staatsanwaltschaft Potsdam Mahler daher eine Haftunterbrechung. Diese Entscheidung wurde jedoch später aufgehoben. (Quelle: 5.spiegel.de) Die Justizvollzugsanstalt wie auch die Staatsanwaltschaft wehrten sich gegen eine vorzeitige Entlassung Mahlers, da weitere Straftaten zu erwarten seien und Mahler eine „verfestigte kriminelle Persönlichkeitsstruktur“ aufweise. (Quelle: 6.spiegel.deNach seiner gescheiterten Flucht nach Ungarn im Mai 2017, sitzt Mahler nun in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg seine Reststrafe von dreieinhalb Jahren ab.

Seine Frau Elzbieta lebt derweil mit ihren Söhnen aus erster Ehe, die Mahler zu seinen eigenen gemacht hat, im Häuschen in Kleinmachnow. Im Juli 2015 sind Tochter Wiebke und Sohn Axel aus Mahlers erster Ehe sowie die Weltwoche zu Besuch. Elzbieta, eine gebürtige Polin, die als Mittfünfzigerin ihre Schwester sein könnte, serviert Kaffee und belegte Brötchen. Die Theorien ihres Vaters seien ihnen fremd, sagen Wiebke und Axel. Na ja, meint Elzbieta, zumal als Polin habe sie schon ein seltsames Gefühl im Bauch, wenn ihr Horst Hitler und seine Schergen verteidige. Immerhin habe sie eine Grossmutter, die Auschwitz überlebte. Wiebke und Axel beschreiben ihren Vater als warmherzigen Menschen, der «in seiner verkopften Art» allerdings sehr stur sein könne. Gleichwohl: Sie lieben ihren Horst nicht nur, sie achten und verehren ihn, egal, was er verkündet. Und sie können nicht verstehen, was an diesem Mann so gefährlich sein soll, dass man ihn wie einen Schwerverbrecher wegsperrt.

Elzbieta hat es ertragen, dass ihr Horst meistens abwesend war. Sie hat es ertragen, dass er mit Sylvia Stolz im bayerischen Ebersberg „in wilder Ehe“ lebte, dieser 2007 sogar ein Eheversprechen gab, obwohl Mahler zu dieser Zeit mit ihr verheiratet war. (Quelle: taz.de) Sie und ihre Familie möchte nun, dass ihr Horst wenigstens seine letzten Tage zu Hause in Kleinmachnow verbringen darf. «Manchmal hege ich den Verdacht, dass sich mein Vater in seiner Zelle fühlt wie Junker Jörg auf der Wartburg», sagt sein Sohn Axel. Das Gefängnis als willkommenes Refugium für geistige Exerzitien?

(Quelle: derfallhorstmahler.files.wordpress.com)

Die „Rattenlinien“ des Horst Mahler

Aus tiefenpsychologischer Sicht scheint bei Mahler der (nicht krankhafte) Abwehrmechanismus der „Intellektualisierung“ dominant zu sein. Diese ist der Versuch, durch abstraktes Denken emotionale Konflikte zu kontrollieren. Der Verstand wird gegenüber Emotionen überbetont wie es bei Mahler deutlich beim Vanity Fair-Interview zutage tritt, der emotionslos Friedmanns unerträgliches Niederbrüllen pariert. „Sich gehen lassen“ wie bei Saufgelagen in der Landsmannschaft Thuringia oder beim Haschisch-Konsum in der Kommune I haben in Mahlers Leben kaum Platz. Er scheint zu versuchen, durch diesen Mechanismus sein starkes Gefühl der Schuld als Deutscher an den Holocaust zu kontrollieren: Im Ausbildungslager der El Fatah habe er noch „Schuldgefühle gegenüber den Juden“ gehabt. Mittlerweile hält er diese für ein Herrschaftsmittel der jüdischen „Fremdherrschaft“ – logisch aus den heiligen Schriften der Juden abgeleitet.

Zudem vermute ich bei Mahler eine (nicht krankhafte) „schizoide Persönlichkeitsstörung“. Diese zeichnet sich durch einen Rückzug von gefühlsbetonten Kontakten aus, auch wenn äußerlich ein Streben nach zwischenmenschlichen Beziehungen gezeigt wird. Nach der Flucht von Haynau nach Naumburg, dem Übersiedeln nach Dessau-Roßlau und schließlich nach Berlin sehnt sich Mahler danach, irgendwo dazugehören, in der Landsmannschaft Thuringia, der SPD, der RAF, dem Deutschen Kolleg, der NPD. Doch letztendlich zieht sich er immer wieder aus der „Affäre“, von einem Extrem ins andere wie um das Alte zu negieren. Er flüchtet vor seiner Familie in die Arbeit, zur Geliebten und ins Gefängnis. Das Fühlen und Denken eines schizoiden Charakters scheint häufig keinen Zusammenhang zu haben: Vom Gefühl her befand sich Mahler als RAF-Mitglied nicht im Krieg. Nur von seiner Überzeugung her war er durchdrungen von dem Gedanken, daß er Teilnehmer eines Weltbürgerkriegs ist.

Einmal irgendwo „zwischengelandet“ geriert sich Mahler unfaßbar stur. Er will sich treu bleiben, nicht noch einmal ein „Trauma“ erleben wie als Vorsitzender der FDJ-Gruppe an seiner Schule. „Abschwören“ wie einst von der SPD gefordert gilt nicht. Dabei ist sein Denken dichotom getrimmt durch Hegels Dialektik, These oder Antithese, schwarz oder weiß, deduktiv geschult darin, von allgemeinen Gesetzestexten auf konkrete Fälle zu schließen: von den Theorien Marxs, Hegels und – noch weiter zurück – den heiligen Schriften der Juden. Doch die „Judenheit“ von Mahler gibt es nicht mehr, da die meisten Juden heute keine Gläubigen mehr sind. Mahler ist im wahrsten Sinne „von Vorgestern“. Induktives Denken für kreative politische Lösungen liegt ihm genauso fern wie den Neue Rechten. (vgl. „Zu Tisch bei Hegel und der AfD – Vom Hapern beim Denken“) Mahler hat sich auf intellektuell höchstem Niveau in ein Netz vorgestriger Deduktionen verstrickt. Sein Geist ist darin genauso gefangen, wie sein Körper in einer Zelle im Gefägnis in Brandenburg.

Gleichzeitig scheint Mahler seine Schuldeinsicht ob des Holocausts und des Suizids seines Vaters (der natürlicher Weise Schuldgefühle hervorruft) sowie die Scham ob seiner jüdischen Abstammung durch „Selbstbestrafung“ demonstrieren zu wollen: Gefängnisaufenthalte sollen offenbar sein strafendes „Über-Ich“ beruhigen. Eine seiner letzten Verurteilungen basiert gar auf einer Selbstanzeige: „Ich sitze hier, weil ich hier sitzen will“, sagte er zum Richter. (Quelle: 4.spiegel.de)

Das hohe intelektuelle Niveau Mahlers hat ihn nicht nur als Führungsfigur für die FDJ-Gruppe an seiner Schule, für SPD-Genossen und die RAF prädisponiert, sondern auch als Ideengeber für heutige Neonazis, Neurechte und Reichsbürger. (Quellen: tagesspiegel.de, daserste.de, freitag.de, weser-kurier.de, tagesspiegel.de,  kaz-online.dezeit.de,  belltower.news) Björn Höcke steht gar direkt mit ihm in Verbindung – per Mail-Verteiler von Mahler. (Quelle: kaz-online.de) Fast schon logisch, dass Höcke auch Mahlers Weggefährtin Ursula Haverbeck verteidigt. (Quelle: stuttgarter-zeitung.de)

Doch sitzt Mahler zu recht im Gefägnis? Bis zu meiner „Ferndiagnose“ Mahlers war ich davon überzeugt. Mein seitdem aufgekommenes Mitleid für ihn hat dazu geführt, mich einmal rechtlich kundig zu machen. Ich habe gefunden:

„Auch Persönlichkeitsstörungen ohne Krankheitswert können als „andere seelische Abartigkeit“ Schuldrelevanz besitzen, insbesondere laut §§ 20, 21 StGB zu einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit führen. Zu den beachtlichen Defekten zählen u.a. die schizoide Persönlichkeitsstörung (…).“ (Quelle: strafrecht-bundesweit.de)

So schwer es mir fällt, nach diesem Fund muss ich meine Meinung zur Rechtmäßigkeit von Horst Mahlers Gefägnisstrafe ändern. Mein Argument ist dabei das Recht – anders als bei seinem einstigen Anwalt und Kollegen Otto Schily, der eher „menschlich“ zu argumentieren scheint: Er sieht in Mahlers Weg schlicht eine „unglaubliche Tragik“. Den Holocaust zu leugnen, sei „gewiss abscheulich, moralisch verwerflich, grotesk und töricht“, sagte er vor drei Jahren und stellte zugleich die Frage: „Aber deshalb über elf Jahre ins Gefängnis?“ (Quelle: 5.spiegel.de)

Lesen Sie auch Teil 1 Die „Rattenlinien“ des Björn Höcke und Teil 3 Die „Rattenlinien“ von Strauß über Mielke bis Meuthen meiner Rattenlinien-Trilogie!

Lesen Sie zur Auseinandersetzung von Kindern mit ihren nationalsozialistischen Eltern auch die Beiträge auf diesem Blog Edda Göring – Das Blut der Nazis ist dicker als die Tränen der Juden und Gudrun Himmler – Blut ist dicker als Tränen, immer noch!

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9 Kommentare zu „Die „Rattenlinien“ des Horst Mahler

  1. Vielen Dank. Wie immer eben.

    Interessant. Ich denke der Mahler Horst hat sich so sehr nicht wenden müssen, um von der extremen Linken in der extremen Rechten anzukommen. Eben nur eine Frage der Himmelsrichtung, von Berlin nach London dauert es halt länger wenn man Richtung Osten fährt. Aber man muss ja nicht.

    Antisemitismus war in der RAF ja durchaus opportun. Denken wir an die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen und die meinhofschen Statements dazu (die ja in diametraler Ausrichtung zudem standen, was sie zu einem früheren israelischen Militärschlag sagte). Und mit den Fatah-Leuten hatte man ideologisch wohl auch nicht viel gemein.

    Ähnlich zu dem was sie als Mangel praktischer und kreativer Lösungsansätze der neuen Rechten herausarbeiten, hat die RAF ja auch immer gewusst zu verschweigen, was sie eigentlich konkret erreichen will. Also außer Revolution natürlich und Schweinesystem. Ist auch klar.

    Nichts destotrotz haben die auf mich (wobei die Betrachtung damals schon retrospektiv sein musste, ich bin als Zeitzeuge einfach zu jung für die erste RAF-Generation) eine gewisse Faszination ausgeübt. Untergrund, schnelle Autos, heiße Bräute, Knarren im Gürtel, Kiffen bis zum Pupillenstillstand – naja, feuchte Jungsträume halt. Ließ sich aber leider irgendwie nicht in meine Realität umsetzen. Naja, Teile davon, immerhin. 😉

    Über einiges muss ich noch mal nachdenken. So Dinge wie die Ferndiagnosen in Verbindung § 130 StGB usw. werfen bei mir einige der wenigen verbliebenen Gehirnzellen durcheinander und die muss ich erst mal sortieren. Möglicherweise melde ich mich noch mal 😉

    Machen Sie’s gut. Auf Teil 3 bin ich schon sehr gespannt. Wird das Gauland?

    PS: Das „How ist How der Apo“? War das Absicht und ich hab den Witz nicht verstanden? Oder doch nur ein Vertipper.

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    1. Vielen Dank Ihnen, lieber Tobias – wie immer eben! 🙂

      Da habe ich mich wohl gleich zweimal hintereinander vertippt. Ich fand ja gleich, dass How is How irgendwie komisch aussieht. 🙂

      Ja, auf mich hatte die RAF auch eine Faszination ausgeübt – insbesondere politisch. Gekifft, bis zum Pupillenstillstand habe ich auch so. Ich habe das, offenbar etwas älter als Sie, als junge Zeitzeugin noch direkt miterlebt. Damals konnte ja noch keiner wissen, dass die nächsten Generationen der RAF im deutschen Herbst landen würden.

      Ich weiß, dass ich mich mit meiner Ferndiagnose weit aus dem Fenster gelehnt habe – insbesondere die Goldwater-Regel ignoriert habe, die das verbietet. Die ist allerdings weit vor dem Internet entstanden. Ich kann wie viele renommierte Psychiater weltweit, die bei Donald Trump eine narzistische Persönlichkeitsstörung vermuten, von so zahlreichen Dokumentationen und Interviews von Mahler ausgehen, wie es in einem nur stundenlangen Anamnese-Gespräch kaum zu bekommen wäre.

      Mein Mitleid mit Mahler, das auf Facebook und Twitter bereits kritisiert wurde, ist wohl meiner langen Beschäftigung mit Mahler und seiner Warmherzigkeit die sogar irgendwie durch seine Hetze schimmert, geschuldet.

      2004 wurde übrigens der Gerichtspsychiater Alexander Böhle mit einem Gutachten über den Geisteszustand von Mahler beauftragt. Dieser verweigerte sich dem Gespräch, auch Böhle musste sich per Ferndiagnos mit den umfangreichen Akten begnügen. Hinweise auf einen psychiatrischen Befund konnte auch er so wie ich dabei nirgends finden.

      Und ja, es gab offenbar in der Apo zahlreiche Antisemiten. Bisher hatte ich immer gedacht, dass das Eintreten für die von Israel „stigmatisierten“ Palästinenser eher politischer Natur ist. Bei meiner Recherche bin ich jedoch drauf gestoßen, dass aus dem vermuteten Antizionismus vieler Apo-Leute später offener Antisemitismus wurde wie beispielsweise bei den Ex-SDS-Mitgliedern Bernd Rabehl, Günter Maschke, Reinhold Oberlercher und Rainer Langhans die wie Mahler zuletzt scharf nach rechts abgebogen sind. Der Kommunarde Dieter Kunzelmann war sogar bereits in den 60er Jahren offen antisemitisch.

      Hach, das Schöne am Recherchieren, Schreiben und Diskutieren ist, dass man so viel lernt. 🙂 Danke nochmals!

      Wer den letzten Teil meiner Rattenlinien-Trilogie bestreitet, verrate ich noch nicht. Bin mir selbst noch nicht ganz sicher und möchte nicht schon wieder falsche Ankündigungen machen. Aber es wird jemand bzw. eine Gruppe, an die Sie gar nicht denken. 🙂

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  2. Ich bin 1971 geboren. Meine bewusst frühesten RAF-Erinnerungen sind tatsächlich der deutsche Herbst. Aber ich habe dann in der Pubertät austsche Bücher gelesen. Und losgelöst vom Wahrheitsgehalt und von Objektivität, mir hat sein Blickwinkel immer gefallen. Und dieses Guerilla- und Schattenweltdasein wiederum hat mich schon immer fasziniert. Vielleicht ist meine Betrachtungsweise auch heute noch zu romantisch.

    Und ja, die Kifferei war auch einer der Punkte, die ich gut und bis zur Vollendung umsetzen konnte. Und die heißen Bräute natürlich :D. Also die intelligenten, begabten jungen Frauen, deren Aussehen völlig belanglos war, meine ich natürlich; aus dem Fenster hänge ich mich im Moment lieber nicht öffentlich 😉 😀

    Im übrigen habe ich mit dem Mitleid gar kein Problem. Obwohl ich es wohl eher nicht teile. Auch da muss ich noch mal drüber nachdenken.

    Da gibt es etwas anderes was ich vielleicht noch diskutieren wollen würde (mit meinem Bürokollegen habe ich bereits damit angefangen). Aber vielleicht auch lieber nicht öffentlich. Mal sehen.

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  3. Wo ich gerade dabei bin ein paar hemdsärmlige Kommentare rauszuhauen, will ich mal hier noch meine Schuld begleichen:

    1. Die Ferndiagnose. Ich habe keine Ahnung ob, wann oder wie eine Ferndiagnose legitim ist oder nicht. Allerdings habe ich ein Problem mit dem Trump-Vergleich. Ich denke, dass Trump einfacher zu beurteilen ist, da er ja alles was ihm gerade erschütterndes durch den Kopf geht in ein Mikrofon labert oder wenn keines zur Verfügung steht in die Welt hinaustwittert. Er stellt ja quasi seine Krankenakte der Welt zur Verfügung. Also indirekt. Was ja zumindest mehr ist, als in Sachen Steuererklärung. 😉

    Aber selbst im Trump-Fall halte ich die Ferndiagnose für zumindest unnötig. Die Diagnose sollte man nicht dem Trump ausstellen sondern dem Teil des amerikanischen Volkes, das ihn trotzdem gewählt hat. Oder deshalb.

    Das alles halte ich bei Mahler für gänzlich anders.

    2. Das Mitleid mit Mahler
    würde ich losgelöst von der Ferndiagnose betrachten. Ich weiß nicht, ob ich Mitleid mit ihm haben soll oder will und ihm wird es egal sein. Aber ich kann verstehen, warum man Mitleid mit ihm haben kann. Losgelöst von Schizophrenie oder was auch immer:

    Ich denke Mahler macht den Fehler den viele intelligente Leute machen: Er hält den Rest der Welt für dumm und unfähig sich sinnvoll zu verhalten. Er ist das Gegenteil eines Freigeistes oder zumindest wenn, dann einer faschistischen Ausprägung. Also es darf Freigeister geben (ihn) aber die anderen haben zu tun was man ihnen sagt und zwar (und hier denke ich, das glaubt er wirklich) zu ihrem eigenen Besten.

    Meines Erachtens ist Mahler ein Mensch, der sich heillos in Ideologien verfangen hat. Und so wie ich das sehe, ist die faschistische Idee der linken nicht so wahnsinnig anders als die der Rechten. Der Weg ist also nicht unbedingt so weit, wie es manchmal aussieht.

    Menschen die sich in abstrusen Ideologien verheddern kann ich bemitleiden. Andererseits ist seine Arroganz für mich nur schwer auszuhalten, daher spar ich mir mein Mitleid, es macht ja eh keinen Unterschied.

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    1. Lieber Tobias, herzlichen Dank für Deine Kommentare. Diese sind keines Wegs „hemdsärmelig“ – ganz im Gegenteil: Ich schätze sie sehr, und sie inspirieren mich immer wieder. Bitte mach weiter so!

      Wie ich in meinem letzten Beitrag ja schon bekundet habe, sehe ich persönlich einen Unterschied zwischen rechts und links: Zur Legitimierung der Ausbeutungsverhältnisse des Kapitalismus brauchen Rechte einen Sündenbock. Vormals waren das Juden, heute sind es Muslime.

      Die teilweise antiisraelische bzw. antisemitische Linke speist ihren Rassismus eher aus dem Nahost-Konflikt und nicht aus der Kritik am Kapitalismus. Insofern ist ihr Rassismus nur bedingt mit dem der Rechten vergleichbar – wenn auch ähnlich schlimm.

      Hoffe, bald wieder von Dir zu hören. Eine e-mail von mir folgt später. LG, Patrizia

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  4. Ich meinte auch nicht den Rassismus, sondern die faschistische Denkweise, dem „einfachen Simpel“ das Denken und Entscheiden abnehmen zu müssen, da dieser eh nicht weiß was er tut.

    Mit dem Rassismus bin ich total bei Dir!

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  5. Ohje, intellektuell auf hohem Niveau? Wer die „Heiligen Schriften der Juden“ kennt und auch Hegels Schriften, besonders die Jugendschriften wie „Der Geist des Christentum und sein Schicksal“, wer nur rudimentäre Sprachkenntnisse besitzt in Hebräisch und Griechisch, der kann auch ohne Gande der späten Geburt erkennen, einfach nur durch eigenständiges Denken, dass der Mahler keinesweg auf Niveau denkt. Der hat absolut keinen Schimmer von Hegel, denkt weder tief noch kritisch. Wer einem Mahler also auf dem Leim geht…naja…

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