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Am Mittwoch haben sich im NSU-Prozess ein letztes Mal alle Augen auf Beate Zschäpe gerichtet. Nach mehr als fünf Jahren, 430 Prozesstagen, Hunderten Zeugen, teils endlosem juristischen Hickhack, bewegenden Opfer-Aussagen und Tränen im Gerichtssaal hat das Münchner Oberlandesgericht das Urteil verkündet.

Das Gericht hat Zschäpe wegen Mordes in zehn Fällen, wegen versuchten Mordes in 35 Fällen und wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Zudem hat es die besondere Schwere der Schuld Zschäpes festgestellt.

Die Dokumentation der Enttarnung der faschistischen Seele von Beate Zschäpe in drei Akten, widmet sich ausschließlich dem Seelenleben der Hauptangeklagten sowie dem von Hinterbliebenen in Anbetracht der Taten des NSU. Unberücksichtigt bleibt das Leid, das den Hinterbliebenen mit Migrationshintergrund vom Verfassungsschutz und den ermittelten Behörden angetan wurde, die die Opfer bis zur Selbst-Enttarnung des NSU in rassistischer Weise wie Täter behandelt haben. In den Haupt-„Rollen“ des im Folgenden dokumentierten NSU-Prozesses: Beate Zschäpe, Ismail Yozgat, Semiya Şimşek und Gamze Kubaşik.

Prolog: Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Berlin

23. Februar 2012

„Meine Damen und Herren, Exzellenzen,

ich möchte Sie alle herzlich begrüßen, vor allen Dingen unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ich bin der Herr Ismail Yozgat. Mein Sohn starb in meinen Armen am 6. 4. 2006 in dem Internetcafé, wo er erschossen wurde.

Ich möchte mich von ganzem Herzen bedanken bei Herrn Altbundespräsident Christian Wulff. Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn, und ich möchte mich bei allen bedanken, die diese Gedenkveranstaltung für uns gemeinsam ausrichten. Und ich möchte mich herzlich bedanken bei meiner Heimatstadt Baunatal.

Ich habe Anschreiben bekommen von der Ombudsfrau Frau Barbara John. Ich möchte mich herzlich bei ihr bedanken. Unter anderem ist uns materielle Entschädigung angeboten worden (800.000 Euro). Ich möchte mich herzlich dafür bedanken, möchte aber sagen, dass wir das nicht annehmen möchten. Meine Familie möchte seelischen Beistand, keine materielle Entschädigung. Wir haben anstelle dessen drei Wünsche:

Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden, dass die Helfershelfer und die Hintermänner aufgedeckt werden. Das ist unser größter Wunsch und unser Glaube. Und unser Vertrauen in die deutsche Justiz ist groß.

Unser zweite Wunsch ist, dass die Holländische Straße – unser Sohn Halit Yozgat ist in der Holländischen Straße 82 geboren worden, und er ist dort in dem Ladengeschäft umgebracht worden –, dass diese Straße nach ihm benannt wird: Halit-Straße.

Unser dritter Wunsch ist, dass im Namen der zehn Toten, im Angedenken an sie ein Preis ausgelobt wird. Wir möchten gerne, unsere Familie, eine Stiftung gründen und sämtliche Einnahmen spenden für Menschen, die krebskrank sind.

Ich möchte mich herzlich bedanken für die Gedenkveranstaltung und möchte Sie herzlich und mit höchster Anerkennung grüßen.“ (Quelle: taz)

Der Schmerz von Ismail Yozgat, dessen Sohn Halit Yozgat von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ermordet wurde, ist kaum zu ertragen:

1. Akt: Oberlandesgericht (OLG) München, 6. Mai 2013 – 8. Dezember 2015

Zschäpes Tarnung

6. Mai 2013

Ein Raum ohne Fenster, ohne Tageslicht, ohne Frischluft, vollgestopft mit Menschen. Ein Klotz aus den Siebziger Jahren, Betonbögen stützen die Decke, grünliches Neonlicht flutet den Saal. Der Gerichtssaal ähnelt einer Arena: vorne, leicht erhöht, das Gericht mit den fünf Richtern unter Vorsitz von Manfred Götzl und dem Ersatzrichter. Daneben die drei Staatsanwälte in ihren roten Roben. Hinten im Saal die Nebenkläger, 40, 50 Anwälte drängen sich hier im Saal A 101 des Oberlandesgerichts München.

Am ersten Prozesstag betritt Beate Zschäpe im dunklen Blazer den Saal. Sie präsentiert sich eher wie eine Anwältin als eine Sünderin in Büsserhemd. Ihre Anwälte Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm sind noch nicht da. Zschäpe wirkt genervt, bleibt aber ruhig. Den Fotografen und Kameraleuten dreht sie demonstrativ den Rücken zu. Diese Trotzpose wird sie noch jahrelang zeigen. Die vier Mitangeklagten André Eminger, Carsten Schultze, Ralf Wohlleben und Holger Gerlach sitzen mit ihren Verteidigern in der zweiten und dritten Reihe. Zschäpe sitzt in der Ersten, eingerahmt von ihren Anwälten.

Zweiter Prozesstag

Der Anklagesatz wird verlesen. Bundesanwalt Herbert Diemer erklärt Beate Zschäpe für voll mitschuldig an den zehn Morden, zwei Anschlägen und 15 Raubüberfällen des NSU in Person von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die nicht mehr leben. Zwar sei die Angeklagte an keinem Tatort gesehen worden, als Mitglied des NSU habe sie aber zu jeder Tat einen „gleichwertigen Beitrag geleistet“.

Beate Zschä­pe lässt die Worte regungslos an sich vorbeiziehen. Angaben werde sie im Prozess nicht machen, sagt ihr Verteidiger Heer zu Richter Götzl.

Tag 5, 4. Juni 2013

Der Mitangeklagte Carsten Schultze berichtet von einem Anschlag, der bisher nicht dem NSU zugeordnet wurde: 1999 zündete in einer Nürnberger Kneipe ein Sprengsatz in einer Taschenlampe. Der türkische Betreiber erlitt damals Schnittwunden am ganzen Körper. Als die Uwes davon berichteten, sei plötzlich Beate Zschä­pe erschienen, erinnert sich Schultze. „Pssst, Beate kommt“, hätten die Männer gesagt.

Schultze war früher selbst tief in der Neonazi-Szene verstrickt. Er war es, der dem NSU die Tatwaffe für neun der zehn Morde überbrachte. Im Prozess packt er alles auf den Tisch und belastet sich dabei selbst schwer. Er schont auch seine damaligen Freunde nicht. Vor Gericht stellt er sich als einziger Angeklagter allen Fragen. Er weint, leidet, schämt und quält sich. Daher gilt Schultze als glaubwürdig.

Tag 7, 6. Juni 2013

Der Mitangeklagte Holger Gerlach belastet Zschäpe schwer: Eine „Autorität“ habe sie damals in der rechten Szene dargestellt. Noch 2011 sei Zschäpe zweimal zu ihm gefahren, um einen neuen Pass für Böhnhardt zu beschaffen. Wann immer er Geld bekommen habe, sei es von Zschä­pe gekommen, einmal 10.000 DM, zur Verwahrung. Und er berichtet, wie Ralf Wohlleben ihn beauftragte, dem Trio einen Beutel zu bringen. Als er merkte, dass darin eine Waffe lag, habe Zschäpe ihn beruhigt. Später habe sie zugesehen, als einer der Uwes die Pistole durchlud.

Tag 14, 24. Juni 2013

Richter Götzl lässt das NSU-Bekennervideo im Saal zeigen. Die Comicfigur Paulchen Panther führt mit zynischen Kommentaren durch die Mordserie. Fotos der Erschossenen werden eingeblendet. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben sie gemacht. Ganz still ist es im Saal. Beate Zschäpe schaut versteinert zu.

Ein Kriminalbeamter zeigt Fotos, auf denen der erschossene Abdurrahim Özüdogru in einer Blutlache zu sehen ist. Die Nahaufnahmen lassen bei Prozessbeobachtern den Atem stocken. Böhnhardt und Mundlos hatten den türkischen Schneider am 13. Juni 2001 in seiner Werkstatt in Nürnberg erschossen. Beate Zschäpe guckt ruckartig weg, als das erste Leichenfoto erscheint. Carsten Schultze guckt nicht weg. Er zwingt sich hinzusehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf die furchtbaren Bilder.

Auch an weiteren Tagen, an denen der Beamer grausige Fotos von den Tatorten an die Wand wirft, verzieht Beate Zschäpe keine Miene. So geht es fast schon ritualhaft weiter. Zschäpe kommt erst locker und zügig in den Saal, kurzes Geplauder mit den Verteidigern. Sobald die Verhandlung beginnt, schaltet sie auf Pokerface.

Tag 15, 25. Juni 2013

Frank L. sagt aus, ein Brandermittler der Polizei. Er berichtet über das Wohnhaus des Trios in Zwickau nach der Selbsttötung von Mundlos und Böhnhardt sowie Zschäpes Brandstiftung. Mehrere Stunden brauchte die Feuerwehr, um den Brand zu löschen. Im Brandschutt habe man dennoch elf Waffen gefunden, darunter die Ceska 83, außerdem die Handschellen der 2007 erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter.

Für die Bundesanwaltschaft war die Wohnung die „Kommandozentrale“ der Gruppe, abgesichert mit Überwachungskameras, Schießübungen im Keller. Hier stand auch der Computer des Trios – unter Zschä­pes Hochbett. Darauf, unverschlüsselt: das Bekennervideo und Notizen von ausgespähten Tatorten.

Tag 17, 2. Juli 2013

André P., Kriminalhauptmeister aus Zwickau, berichtet über Zschäpe, als sie sich nach ihrer Brandstiftung am 8. November 2011 der Polizei stellte, nach vier Tagen auf der Flucht. Zschäpe verweigerte damals die Aussage, dennoch entwickelte sich ein Gespräch. Wie es ihren Katzen gehe, habe Zschäpe gefragt. Und sie habe betont, dass die Uwes ihre Familie gewesen seien.

Tag 41, 1. Oktober 2013

„Ich bin Ismail Yozgat, der Vater des Märtyrers, der am 6. April 2006 durch zwei Schüsse in den Kopf erschossen und in meinen Armen gestorben ist.“ Der Vater des NSU-Opfers Halit Yozgat aus Kassel, berichtet, wie er das Internetcafé seines Sohnes betrat und ihn blutend hinter der Theke entdeckte. Yozgat steht auf, wirft sich auf den Boden, um zu zeigen, wie er seinen sterbenden Sohn fand. „Er hat nicht geantwortet!“, ruft er in den Saal. Yozgat weint. „Warum haben Sie mein Lämmchen getötet?“ Er habe später einen Herzinfarkt erlitten. Nie mehr werde er seinen Geburtstag feiern.

Und als sich Yozgat vor den Angeklagten auf den Boden legt und zeigt, wie er seinen Sohn gefunden hat, dreht Beate Zschäpe den Kopf weg.

Auch Halits Mutter Ayse Yozgat wendet sich an die Angeklagten, vornweg an Zschäpe und fleht: „Ich bitte Sie, dass Sie all diese Vorfälle aufklären!“ Beate Zschäpe bleibt stumm. „Können Sie einschlafen, wenn Sie den Kopf auf das Kissen legen?“ Sie selbst könne es seit elf Jahren nicht. „Ich vermisse meinen Sohn so sehr.“ Zschäpe schaut starr auf ihren Laptop.

Tag 44, 9. Oktober 2013

Christina L., BKA-Beamtin, berichtet von einer Art Archiv, das Polizisten im Brandschutt des NSU-Unterschlupfs in Zwickau fanden: 68 abgeheftete Zeitungsartikel über die Mord- und Anschlagstaten des NSU. Fingerabdrücke der Uwes habe sie darauf nicht gefunden – an zwei Artikeln aber die von Zschäpe.

58. Verhandlungstag

Die Mutter von Uwe Böhnhardt ist als Zeugin geladen. In ihrer Aussage geht es um ein Telefonat mit Zschäpe, in dem die Angeklagte der Mutter den Tod des Sohnes mitteilte. Die Mutter sagt im Prozess zu Zschäpe: „Ich stelle mir das schrecklich vor, so einen Anruf zu machen. Danke, dass Du es trotzdem gemacht hast.“ Da schiessen Beate Zschäpe Tränen in die Augen.

Tag 60, 26. November 2013

Christian und Karin M. erzählen von ihren Urlauben auf der Ostseeinsel Fehmarn. Dort trafen sie ab 2007 wiederholt das Zwickauer Trio auf einem Campingplatz. Man habe zusammen gegrillt, Badminton gespielt, gesurft. Zschäpe habe die Männer „bemuttert“. Und sie habe die „Urlaubskasse“ verwaltet, jedes Essen und jeden Einkauf bezahlt, in bar. Die drei seien immer harmonisch aufgetreten.

Tag 61, 27. November 2013

Zschäpes Mutter Annerose würdigt ihre Tochter keines Blickes. Ob sie Angaben machen wolle, fragt Richter Götzl. „Nein.“ Bei der Polizei hatte die Mutter noch gesprochen: Ihre Tochter sei nicht leicht zu beeinflussen. Wenn sie von etwas überzeugt war, habe sie dies „konsequent“ durchgesetzt. Auch Zschäpes Cousin Stefan Apel, früher ein rechter Skin, tritt an diesem Tag auf. Auch Apel sagt: Zschäpe habe die Männer „im Griff“ gehabt, sie habe „sich nicht über den Mund fahren lassen“.

67. Verhandlungstag

Heike K. sagt aus, eine Nachbarin des Trios im Haus in der Zwickauer Polenzstraße: „Sie war die Zuhörerin für meine Sorgen, der Anker für mich“, K. erzählt auch, Zschäpe habe öfter für sie und ihre Kinder Lebensmittel gekauft, „Pudding, Brot, Wurst, Nudeln, weil wir es nicht hatten“. Dass Zschäpe im Supermarkt mit Geld aus Banküberfällen zahlte, wusste die Zeugin nicht. Heike K. erinnert sich auch, Zschäpe habe ihrem pubertierenden Sohn Patrick geraten, sich von der rechten Szene fernzuhalten. Auch weitere Nachbarn und Zeugen aus dieser Zeit schildern Zschäpe als nette, umgängliche Frau.

Tag 86, 19. Februar 2014

Norbert V. vom Thüringer Landeskriminalamt erzählt, wie er am 26. Januar 1998 Zschäpes Jenaer Wohnung und eine von ihr gemietete Garage durchsuchte. In der Garage fand Norbert V. fünf Rohrbomben, 1,4 Kilo TNT und rechtsextreme Flugblätter.

Nach den Razzien ging das Trio in den Untergrund. In Zschäpes Wohnung hingen über dem Sofa eine Gaspistole, ein Luftgewehr, ein Wurfstern, fünf Messer und ein Morgenstern. An einer Wand ein Bild mit Hakenkreuz. Der LKA-Mann berichtet auch von zwei „Pogromlyspielen“, eins in der Garage, eins unter Zschäpes Sofa. In dieser selbst entworfenen Monopoly-Abwandlung sollen Städte „judenfrei“ gemacht werden, Bahnhöfe sind KZs, eine Ereigniskarte teilt mit, man habe „eine Infektion“ beim „Kacken auf ein Judengrab“ erlitten.

Tag 127, 15. Juli 2014

Ein Mann wird in Handschellen in den Saal geführt. Tino Brandt, einst Anführer des rechtsextremen „Thüringer Heimatschutzes“ und V-Mann, sitzt wegen Kindesmissbrauchs in Haft. Im „Thüringer Heimatschutz“ hatten sich Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos radikalisiert. Brandt belastet Zschäpe: Diese sei „keine dumme Hausfrau gewesen“.

Tatsächlich stand Zschäpe schon seit 1995 im Fokus des Verfassungsschutzes. Sie beteiligte sich an rechten Aufmärschen, meldete selbst einen an, soll sich in Diskussionen für eine Bewaffnung ausgesprochen haben. Mit Böhnhardt und Mundlos verschickte sie Briefbombenattrappen an die Jenaer Stadtverwaltung, Polizei und Lokalzeitung. In der Stadt deponierte das Trio zwei Koffer mit Bombenattrappen und Hakenkreuzen, an eine Autobahnbrücke hängten sie eine Puppe mit Davidstern.

Tag 128, 16. Juli 2014

Beate Zschäpe erklärt, sie habe kein Vertrauen mehr in ihre Verteidiger Heer, Sturm und Stahl. Richter Götzl verlangt eine schriftliche Erklärung. Die liefert Zschäpe später: Sie wolle schon länger aussagen, ihre Anwälte aber hinderten sie daran.

Der Bruch kommt überraschend. Zschäpe hatte bis dahin mit ihren Anwälten häufig gescherzt. Vor allem mit Heer wirkte Zschäpe vertraut. Es war die Zeit, in der regelmäßig eine Bonbondose vor ihnen stand, aus der sie gemeinsam Lakritze naschten. Tatsächlich aber hat Zschäpe da bereits Kontakt zu einem Münchner Strafverteidiger aufgenommen: Hermann Borchert.

Hötzl lehnt eine Ablösung der Verteidiger ab. Zschäpe habe nicht nachgewiesen, dass das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört sei. Zschäpe aber bleibt hart – sie redet irgendwann kein Wort mehr mit den Anwälten, verlangt, dass sie sich von ihr wegsetzen und erstattet Anzeige gegen sie.

Tag 132, 30. Juli 2014

Maria H., eine frühere Punkerin, berichtet, wie sie 1996 in Jena von einer jungen Frau derart geschubst wurde, dass sie sich einen Fuß brach. Dann habe sich die Frau auf sie raufgesetzt und sie gezwungen, zu sagen „Ich bin eine Potte“. Später, so Maria H., habe sie die Angreiferin auf Fotos erkannt: Es sei Beate Zschäpe gewesen.

Die damalige Begleiterin von Maria H. berichtet, Zschäpe habe einen „krassen“ Ruf gehabt: Diese habe keine Skrupel, auf Leute loszugehen. Auch der Mitangeklagte Holger G. berichtete der Polizei, wie Zschäpe einer Punkerin in einem Bus einmal „eine reingehauen habe, weil diese blöd geschaut habe“.

2. Akt: OLG München, 9. Dezember 2015 – 12. Dezember 2016

Zschäpes Rettungsversuch

Tag 249, 9. Dezember 2015

Beate Zschäpe bricht an diesem Tag ihr Schweigen. Im Sommer 2015 hat ihr das Gericht einen neuen Pflichtverteidiger gewährt, Mathias Grasel. Der Anwalt, Anfang 30, ist Bürokollege von Hermann Borchert. Er hat gut zwei Jahre Beweisaufnahme und alle wesentlichen Zeugenaussagen verpasst. Er hat weder viel Erfahrung als Strafverteidiger noch Kenntnis der Akten.

Wenn Beate Zschäpe morgens, Viertel vor zehn, in den Verhandlungssaal eilt, läuft sie schnurstracks auf Grasel zu, schenkt ihm ein strahlendes Lächeln, gibt ihm die Hand und beginnt zu plaudern. Grasel lächelt schüchtern zurück, manchmal nickt er. Und anfangs stellte er auch den Ellenbogen zwischen sich und Zschäpe auf, als hätte er Angst, dass sie ihm zu nahe kommt. Wenn er etwas wissen will, fragt er seine neun Jahre ältere Mandantin. Zschäpe gefällt das. Sie schenkt ihm ihr Vertrauen – und straft ihre ursprünglichen Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl fortan mit konsequenter Missachtung.

Grasel sitzt links neben Zschäpe, deren drei alten Verteidiger rechts – mit einem Platz Abstand. Er verliest eine Erklärung für seine Mandantin:

„Ich wurde am 2. Januar 1975 als Beate Apel in Jena geboren. Meinen Vater, der wohl Rumäne war und Botanic hieß, (…) habe ich nie kennengelernt. Meine Mutter Annerose Else heiratete (…) 1975 einen Herrn Trepte. (…) Nach weniger als zwei Jahren ließ sich meine Mutter (…) scheiden und heiratete kurz darauf Herrn Günter Zschäpe, sodass mein Name seit dieser Zeit Beate Zschäpe lautet.. (…)

Etwa 1988 hatte meine Mutter einen neuen Freund namens Peter (…). Zu dieser Zeit begannen die Alkoholprobleme meiner Mutter, und es fanden zunehmend Auseinandersetzungen zwischen uns beiden statt. Die Streitigkeiten bezogen sich insbesondere auf ihren Alkoholkonsum sowie darauf, dass meine Mutter den Haushalt schleifen ließ – es sei denn, Peter war anwesend.

Zur Wendezeit 1989/90 wurde meine Mutter arbeitslos und die Geldprobleme, die bis dahin sowieso schon bestanden, wurden immer größer. Ich erhielt von meiner Mutter so gut wie kein Geld, was dazu führte, dass ich mich innerhalb des Freundeskreises an kleineren Diebstählen beteiligte. Rückblickend kann ich sagen, dass ich zu dieser Zeit den Respekt vor meiner Mutter verloren hatte. Ich hatte mir von ihr nichts mehr sagen lassen.

(…) Ebenfalls zur Wendezeit 1989/1990 lernte ich Uwe Mundlos kennen. (…). Wir verbrachten unsere Freizeit in einer Clique, die sich regelmäßig an der Schnecke (ein Spielplatz) traf. Wir hörten gemeinsam Lieder mit nationalistischem Inhalt und sangen (…) diese Lieder auch nach. Wesentlichen Beitrag dazu, dass ich mich auf diese Art der Freizeitgestaltung einließ, hatte mein Cousin Stefan Apel. Dieser trat nicht nur in entsprechender Kleidung auf – Bomberjacke, Frisur etc. –, sondern animierte auch zu verbalem Auftreten, das von rechtsgerichteten Jugendlichen erwartet wird. (…)

An meinem 19. Geburtstag lernte ich Uwe Böhnhardt kennen, der mir auf meiner Geburtstagsparty von einer Freundin vorgestellt wurde. Ich verliebte mich in ihn, war aber zu diesem Zeitpunkt noch mit Uwe Mundlos zusammen (der zu dieser Zeit seinen Wehrdienst in Bad Frankenhausen leistete, über 70 Kilometer von Jena entfernt). Auch als ich von meiner Freundin erfuhr, dass er bereits vielfach straffällig geworden und auch schon im Gefängnis war, änderte sich an meiner Liebe zu ihm nichts. (…)

Schon als ich Uwe Böhnhardt kennenlernte bestand seine Kleidung aus Bomberjacke sowie Springerstiefeln (…). Seine Einstellung zu Waffen konnte man schon damals daran erkennen, dass er eine Vielzahl an Waffen, wie etwa eine Armbrust, einen Morgenstern oder einen Nunchaku an der Wand in meiner Wohnung aufgehängt hatte.

Mit Beginn unserer Freundschaft änderte sich mein Freundeskreis. Ich (…) wandte mich immer mehr Uwe Böhnhardts Freunden zu. Uwe Böhnhardts Freunde hatten eine intensivere nationalistische Einstellung als der Freundeskreis um Uwe Mundlos und traten auch entsprechend auf. (…) Es wurden nicht nur Lieder mit nationalistischem Inhalt gesungen (…), sondern es erfolgten auch (…) der Besuch von Konzerten, Stammtischen, Demonstrationen, Wehrmachtsausstellungen oder Sonnenwendfeiern. (…)

Unser Einsatz (…) wurde intensiver (…). Dies lag unter anderem daran, dass wir negative Erfahrungen mit der örtlichen Polizei machten, welche Wut und Aggression in uns hervorriefen. Wir wollten (…) durch gezielte Aktionen darauf aufmerksam machen, dass es einen politischen Gegenpol zu den Linken gibt und wir wollten die Polizei und damit die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzen, um damit Aufmerksamkeit zu erreichen.

(…) später trennte sich Uwe Böhnhardt von mir, worunter ich sehr litt. Als Grund für die Trennung nannte er mir gegenüber, dass ich zu sehr klammern und ihm keine Luft lassen würde. In den folgenden Wochen war ich von beiden Uwes und der Clique getrennt, geradezu ausgeschlossen. Meine Gefühle zu Uwe Böhnhardt waren nach wie vor sehr intensiv vorhanden. (…)

In den folgenden Wochen versuchte ich, mich wieder der Gruppe um Uwe Böhnhardt anzuschließen und Uwe Böhnhardt für mich zurückzugewinnen. Zu diesem Zweck mietete ich am 10. August 1996 die Garage (…) in Jena an. In der Vergangenheit hatten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und ich darüber gesprochen, dass man eine abgelegene Garage anmieten sollte, um dort beispielsweise Propagandamaterial zu deponieren. Das Anmieten der Garage war für mich ein voller Erfolg. Ich traf mich daraufhin wieder mit den beiden.

(…) Nach dem Anmieten der Garage hatte ich diese nur ein paar Mal betreten und am 26. Januar (dem Tag der Durchsuchung durch das Thüringer Landeskriminalamt und dem anschließenden Untertauchen des Trios) keine Kenntnis von den im Bau befindlichen Rohrbomben und vom TNT. (…)

Mir war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich als Mieterin der Garage für den dort gelagerten Sprengstoff verantwortlich gemacht werden würde. Ich ging davon aus, dass ich für die zurückliegenden Aktionen und für den in der Garage gelagerten Sprengstoff eine mehrjährige Haftstrafe würde antreten müssen. (…)

Ende des Jahres 1998 lebten wir bereits seit fast einem Jahr in der ständigen Angst entdeckt zu werden. Außerdem war unser Geld aufgebraucht. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt machten deshalb den Vorschlag, Geld mittels eines Raubüberfalles zu besorgen. Ich war damit einverstanden, weil auch ich keine Möglichkeit sah, legal und ohne Gefahr der Verhaftung an Geld zu kommen.

(…) Bei dieser gemeinsamen Besprechung (…) hatte ich auch zu bedenken gegeben, dass ich viel zu viel Angst hätte, mich aktiv an dem Raubüberfall zu beteiligen. Daraufhin wurde besprochen, dass die beiden das Ding allein durchziehen. (Auch an den folgenden 14 Raubüberfällen sei sie nicht direkt beteiligt gewesen.)

Während der ersten Wochen des Jahres 1999 sprach ich mehrfach (…) an, das Untertauchen abzubrechen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lehnten dies jedoch kategorisch mit der Begründung ab, dass dies nach dem Überfall vom 18. Dezember 1998 keine Überlegung mehr wert sei. Sie hatten damit abgeschlossen, in ein bürgerliches Leben zurückzukehren. (…) Sie wollten nicht in den Knast, und sie wollten sich nicht stellen. (…)

Ich konnte mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden und wandte mich deshalb (…) an Herrn Rechtsanwalt Dr. Hans Günter Eisenecker in Goldenbow, der in der rechten Szene als hervorragender Rechtsanwalt bekannt war. (…)  Eisenecker teilte mir mit, dass (…) ich insgesamt mit einer Freiheitsstrafe zwischen acht und zehn Jahren rechnen müsste (…). Mit dieser Information war mir klar, dass ich mich der Polizei nicht stellen konnte (…).“

Rückblende: Nürnberg

9. September 2000

Enver Şimşek fährt mit seinem Sprinter aus Nürnberg hinaus. Normallerweise liefert er nur Ware für den Blumenstand aus. An diesem Samstag hat er jedoch für seinen Kollegen Toy auch den Blumenverkauf an einem Standplatz entlang einer Landstraße übernommen. Der muss in die Türkei, weil seine Mutter krank ist. Enver Şimşek war 1986 mit seiner Frau Adile und seiner Tochter Semiya aus der Türkei nach Deutschland immigriert. Er hatte zunächst in einer Fabrik gearbeitet und sich dann mit einem Blumenhandel selbständig gemacht. Daraus ist ein Blumengroßhandel mit angeschlossenen Läden und Ständen entstanden.

Enver Şimşek hatte in den Bergen Ispartas, seiner türkischen Heimat, Schafe gehütet, bis er sich in Adile verliebte. Anfang der Achtziger hatte Adile schon in Deutschland gelebt, Enver noch in der Türkei, weil er dort seinen Militärdienst ableisten musste. Ihre ersten beiden Ehejahre haben sie sich ständig geschrieben. Enver war ganz schön romantisch und wahnsinnig verliebt Adile. Für sie hat er sogar seine Brüder und Schwester zurückgelassen und ist nach Deutschland gekommen. Das hat denen gar nicht gefallen.

Isparta ist berühmt für seine Teppiche und den Anbau prächtiger Rosen. Enver Şimşek liebt Rosen. Weil die Rosen aus Holland nicht richtig duften, bringt er aus der Türkei immer Rosenduft mit und träufelt es auf die Blumen. Er will den Menschen eine Freude bereiten. Enver Şimşek ist phantasievoll, hat viele Ideen. Er weiß  immer, was er will, hat keine Angst. Zum Beispiel hat er seinen Arbeitsplatz aufgegeben, um seinen Traum zu erfüllen und einen Blumenhandel zu eröffnen, obwohl ihm jeder davon abgeraten hatte.

Enver Şimşek hält das Geld zusammen, spart für ein Häuschen an einem Hang Ispartas. Bei jedem Besuch in der Heimat baut er an seinem Traum, schleppt Steine, setzt sie aufeinander. Hier will er seinen Lebensabend verbringen. Diese Sommerferien war Enver Şimşek mit seiner Frau Adile und den beiden Kindern Semiya und Kerim durch Deutschland gefahren. Ganze sechs Wochen lang. Eigentlich hatte er keinen Urlaub machen wollen. Doch er hatte sich einen Ruck gegeben: Die Kinder sollen das Land kennenlernen. Es war wunderschön gewesen.

Am Mittag steht Vater Enver an seinem mobilen Blumenstand hinter einem Tisch mit Schnittblumen in der Liegnitzer Straße in Nürnberg. Er sortiert Blumen in seinem weißen Mercedes-Kastenwagen, auf dem sein Name in großen Lettern steht. Es ist ein schöner Tag.

10. September 2000

Um vier Uhr morgens wird die 14-jährige Semiya Şimşek in ihrem Internat geweckt. Ihr Vater Enver soll einen Unfall gehabt haben. Erst im Krankenhaus in Nürnberg erfährt sie, dass er im Koma liegt. Sie darf erst ans Krankenbett ihres Vaters, nachdem sie einem Polizeibeamten Fragen beantwortet hat, merkwürdige Fragen, die sie verwirren. „Wurde Dein Vater bedroht?“ „Besaß er Waffen?“ Semiya sagt: »Er hat ein Blumenmesser, mit dem er immer die Stiele kürzt.«

Dann darf Semiya zu ihm. Sie sieht das zerschossene Gesicht ihres Vaters, der auf der Intensivstation um sein Leben kämpft. Sie sieht, dass eines seiner Augen ausgelaufen ist. Das Kissen ist ganz blutig. Sie weiß sofort: Wenn er das überleben sollte, wird er schwerbehindert bleiben. Sie traut sich nicht, ihn anzufassen, weil er so fremd aussieht. Sie könnte seine Hand streicheln, sie muss ihn ja nicht küssen. Dass sie das nicht macht, wird sie später bereuen. Dann verliert Semiya das Bewusstsein.

Zwei vermummte Männer haben die Tür von Envers Sprinter aufgerissen und acht Schüsse auf ihren Vater abgefeuert. Der Tatort liegt auf dem Gelände der ehemaligen Reichsparteitage, zwischen den ehemaligen Lagern der SS, der SA und des Reichsarbeitsdienstes.

11. September 2000

Seit zwei Tagen wartet, hofft, bangt Semiya Şimşek mit ihrer Familie. Seit zwei Tagen hat sie kein Auge zubekommen. Dann schalten Ärzte die lebenserhaltende Herz-Lungen-Maschine ab, ohne das ihr Vater Enver sein Bewusstsein zuvor wiedererlangt hat. Semiya Simsek muss der Familie in der Türkei die Botschaft überbringen.

Die kriminaltechnische Untersuchung von Projektilen und Geschosshülsen ergeben, dass der bzw. die Täter aus zwei Waffen auf Enver geschossen haben: einer Pistole Kaliber 6,35 mm, der Typ nicht näher identifizierbar, und einer Pistole vom Typ Česká 83, Kaliber 7,65 mm.

(Quellen: sueddeutsche.despiegel.detaz.detagesschau.de, welt.de, derwesten.de)

Fortsetzung: Zschäpes Monolog

„Erst Mitte Dezember 2000 (…) erfuhr ich von den Geschehnissen am 9. September 2000. Ich weiß nicht, ob es an der Stimmung zur Weihnachtszeit lag, jedenfalls merkte ich an den Blicken des Uwe Mundlos, dass etwas nicht stimmte. Ich sprach ihn darauf an, was mit ihm los sei und er berichtete mir, was rund drei Monate zuvor passiert war. Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen was die beiden getan hatten. Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt. (…)

Uwe Mundlos erwiderte, dass sie (…) genau gewusst hätten, wie ich reagieren würde und dass sie mir deshalb drei Monate lang nichts gesagt hätten. (…) Auf meine Frage, warum sie einen Menschen getötet hatten, (…) wurden Argumente vorgetragen wie: Perspektivlosigkeit, Gefängnis und insgesamt bestehende Frustration. Für mich waren dies keine nachvollziehbaren Erklärungen. (…) Bis zum heutigen Tag weiß ich die wahren Motive der beiden nicht. (…)

Mit dem Umstand konfrontiert, dass ich nun auch in einen Mord verwickelt war, eröffnete ich den beiden, dass ich mich der Polizei stellen wolle. (…) Sie überraschten mich mit der Erklärung, dass sie sich in diesem Fall selbst töten wollten. Sie hätten (…) sich gegenseitig geschworen, sich niemals von der Polizei festnehmen zu lassen. Sie hätten sich geschworen, dass sich beide die Kugel geben würden. Sollte dies (…) misslingen so sollte zunächst der eine den anderen und dann sich selbst erschießen. Wenn ich also zur Polizei gehen, die beiden dadurch entdeckt und ihre Verhaftung drohen würde, so wollten sie sich der Verhaftung auf diese Weise entziehen. (…)

Ich stand vor einem, für mich unlösbaren Problem: Sollte ich mich der Polizei stellen und die langjährige Haftstrafe in Kauf nehmen, so müsste ich wahrscheinlich den Tod der beiden einzigen Menschen, die mir neben meiner Oma lieb waren, auf mein Gewissen nehmen. (…)

Mit Blick auf die Tatvorwürfe vom 13. Juni 2001 (der Mord an Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg) sowie 27. Juni 2001 (der Mord an Süleyman Tasköprü in Hamburg) kann ich mich nur insoweit äußern, dass ich weder an irgendwelchen Vorbereitungshandlungen noch an den Ausführungen beteiligt war. Weder Uwe Mundlos noch Uwe Böhnhardt hatten mich zuvor informiert, was sie in Nürnberg und Hamburg vorhatten. (…) 

Im Rahmen dieses Gespräches (nach dem den Raubüberfall am 5. Juli 2001 auf eine Post in Zwickau) berichteten sie mir von ihren Mordtaten vom 13. Juni und 27. Juni 2001. Ich war einfach nur sprachlos, fassungslos und war nicht in der Lage, auf ihre Ausführungen zu reagieren. Ich hatte nicht nach Details gefragt. Ich wollte es nicht hören. Ich fühlte mich wie betäubt. Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass sie nach unserer Auseinandersetzung Mitte Dezember 2000 nochmals auf einen Menschen schießen würden.

Rückblickend betrachte ich meine Reaktion so, dass ich resigniert hatte. Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Männern zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war. (…) Diesmal äußerten sie sich auch in ausländerfeindlicher Richtung. (…)

Meine Gefühle kann ich im Ganzen nur so beschreiben, dass ich mich einerseits von den Taten abgestoßen fühlte, mich nach wie vor zu Uwe Böhnhardt hingezogen fühlte, keine Chance für mich auf eine Rückkehr in das bürgerliche Leben sah und mich des halb meinem Schicksal ergab, mit diesen beiden Männern weiterzuleben, trotz ihrer furchtbaren Taten.

(…) Es war (…) unmittelbar nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York. (…) Ich vertrat die Meinung, dass solche Aktionen unmenschlich seien. In diesem Zusammenhang brüsteten die beiden sich mir gegenüber mit dem Mord an Habil Kilic, welchen sie rund zwei Wochen zuvor in München begangen hatten. (…) Meine Reaktion war wiederum Entsetzen. Es gab jedoch keine verbale, lautstarke Auseinandersetzung, wie Mitte Dezember 2000, sondern ein gegenseitiges Anschweigen. Diese Stimmung hielt einige Wochen an. (…)

Mit dem Mord vom 25. Februar 2004 an Yunus Turgut in Rostock hatte ich nichts zu tun. Von irgendwelchen Vorbereitungshandlungen (…) hatte ich nichts mitbekommen. (…) Uwe Mundlos berichtete davon, dass er in Rostock einen Türken erschossen hätte. Details schilderte er nicht (…). Ich erinnere mich, dass ich auf beide stundenlang eingeredet hatte, mit dem Töten aufzuhören. (…) Gebetsmühlenartig erhielt ich zur Antwort, dass es nicht mehr passieren würde. (…)

Ich wusste nicht, dass sie nach Köln fahren wollten. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie mir davon, dass sie in Köln einen Bombenanschlag auf Türken verübt hätten. (…) Ich war einfach nur entsetzt und konnte diese Aktion nicht nachvollziehen. (…) Beide begründeten ihr Tun damit, die türkische Bevölkerung in Köln in Angst und Schrecken versetzen zu wollen und, zum wiederholten Male, dass sie ihr Leben verkackt hätten.

(…) Ab diesem Zeitpunkt vertraute ich den beiden nicht mehr, dass sie mir die Wahrheit über ihre Vorhaben berichteten. Trotzdem konnte ich mich nach wie vor nicht von den beiden lösen. Meine Gedanken waren immer wieder die gleichen: Angst vor einer langjährigen Haftstrafe, schuldig zu sein an ihrem gemeinsamen Tod und Uwe Böhnhardt nie wiederzusehen. Deshalb war ich nicht in der Lage, Konsequenzen zu ziehen. (…)“

Rückblende

Dortmund, 4. April 2006

Gamze Kubaşık steht ihrem Vater sehr nahe. Mehmet Kubasik ist ein herzlicher Mann, offen und geradeaus, der auf die Menschen zugeht. In ihrer Erinnerung lacht der Vater meistens, sie wiederum dreht stundenlang mit den Fingern in seinem Haar herum oder spielt ihm Streiche. Am liebsten guckt sie ihm einfach zu, wie er mit den Leuten redet. Das macht sie stolz.

Ihre deutschen Freundinnen verheimlichen viele Dinge vor ihren Vätern, vor allem, auf welche Partys sie gehen und wo sie übernachten. Mehmet Kubasik dagegen ist eine Art Vertrauter für die Jugendlichen. Er fährt die Clique auch zu den nächtlichen Feiern und holt sie wieder ab. Das ist seine Bedingung. Er passt schon auf.

Der Kiosk ihres Vaters in der Mallinckrodtstraße ist für viele Anwohner ein Treffpunkt. Gamzes Vater macht hier, was er gut kann, mit Menschen reden, ihnen das Gefühl geben, hier hört ihnen einer zu. Er kennt jeden in dieser Gegend. Er ist mit Türken und Deutschen befreundet. Die Nationalität ist ihm egal. Und natürlich ist er Fan vom BVB. Der Laden ist fast immer offen, von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Sie schuften. Mutter, Vater und Gamze wechseln sich ab, die jüngeren Brüder sind noch zu klein.

Die Tage sind glückliche Tage. Der Vater hat gemeinsam mit der Familie beschlossen, den Laden, auch wenn er gut läuft, aufzugeben. Es ist kein Familienleben mehr möglich, sie sehen sich oft nur, wenn sie sich im Kiosk ablösen. Selbst das für den Vater heilige Ritual, das Abendbrot gemeinsam zu essen, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Als Gamze Kubasik erfährt, dass es einen Kaufinteressenten gibt und der Vater wieder einer zeitlich geregelten Arbeit nachgehen wird, ruft sie spontan: „Cool, dann machen wir im Sommer Urlaub.“

Am 4. April 2006 stoppt der Bus, der sie von der Schule bringt, wie immer ein paar hundert Meter vor dem Kiosk an einer Haltestelle.

„An dem Tag ging ich noch auf die Berufsschule für Wirtschaft und Verwaltung. Es war an einem Dienstag. Gegen 13 Uhr bin ich in der Mallinckrodtstraße angekommen mit einer Kundin, die oft bei uns eingekauft hat. Sie war die Erste, die schon von weitem die Polizeiautos gesehen hat, aber ich dachte nur, na ja, da hat wohl jemand Ärger gehabt. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass das etwas mit uns zu tun haben könnte. Kurz vor dem Kiosk hörte ich einige Leute sagen: „Oh nein, da kommt ja die Tochter.“

„Da habe ich verstanden, dass was mit Papa ist, und bin unter der Absperrung durchgerannt, aber ein Polizist hat mich festgehalten. An seinen Augen hab ich gesehen, dass etwas Schlimmes passiert ist.“

„Sie können da nicht rein, haben Sie die Absperrung nicht gesehen!“ Als ich sagte, dass ich die Tochter des Besitzers sei, bat er mich ins Polizeiauto. Zuerst hat man mir gesagt, mein Vater sei verletzt. Ich wollte unbedingt zu ihm, weil mein Vater nicht so gut deutsch sprach, wenn er aufgeregt war. Ich wollte für ihn übersetzen. Doch nach wenigen Minuten sagte man mir: „Ihr Vater ist tot.“ (…)

„Dann war ich weg. Ohnmacht. Die kommenden zwei Tage wurde ich mit Spritzen beruhigt.“

Der Tatort, der Kiosk von Mehmet Kubaşik, ist wenige hundert Meter von der Wohnung des Neonazis Siegfried Borchardt und vom Neonazi-Treff „Deutscher Hof“ entfernt. In der Nähe ist auch der Todesort des von der NS-Propaganda als „Blutzeugen“ bezeichneten SA-Mitglieds Adolf Höh, der 1930 bei gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen umgebracht worden war. (Quellen: taz.desueddeutsche.de, tagesspiegel.de)

Kassel, 6. April 2006

Ismail Yozgaz:

„Es war der 6. April 2006, ein Donnerstag. Ein Tag vor meinem Geburtstag. Morgens arbeitete ich im Internetcafé, weil Halit (Ismail Yozgats Sohn) etwas anderes zu tun hatte. Wir wechselten uns ab mit dem Tresen – mal passte er auf, mal ich. Irgendwann am Nachmittag kamen Halit und seine Mutter in den Laden, und meine Frau sagte: „Ismail, Halit hat mir Geld gegeben, damit wir dir ein Geschenk kaufen. Du sollst es dir selbst aussuchen, hat er gesagt. Fahren wir los.“ Halit ist dann im Laden geblieben, meine Frau und ich sind in den Baumarkt. Ich habe mir einen Werkzeugkasten gekauft. Wir wollten dann wieder zurück ins Internetcafé, um Halit abzulösen, weil er gegen 17 Uhr immer zum Abendgymnasium ging. Bis dahin war er immer im Laden und machte seine Schulaufgaben.

Meine Frau und ich waren kurz nach 17 Uhr wieder beim Internetcafé, vielleicht war es fünf nach. Normalerweise stand er immer an der Tür, wenn ich ihn ablösen sollte. An diesem Tag nicht. Ich wunderte mich kurz. Ich habe den Wagen geparkt, bin reingegangen.

Kein Halit. Ich rief: „Halit, wo bist du, sitzt du grad selbst an einem der Computer?“ Mein Blick richtete sich auf das Pult am Eingang, dort, wo die Kunden bezahlen. Ich sah drei kleine rote Tropfen darauf. Ein, zwei, drei kleine rote Tropfen, akkurat nebeneinander. Ich ging näher an das Pult heran. Wieder rief ich: „Halit, was machst du denn hier mit der roten Farbe?“ Da sah ich ihn. Er lag dahinter, auf dem Boden. Ich schrie: „Halit, was ist mit dir?“ Ich nahm ihn in den Arm, seine Augen verfärbten sich violett.“

Ismail Yozgat erzählt später vor Gericht, dass er die Leiche seines 21-jährigen Sohnes Halit auch mit den eigenen Händen ins Grab gelegt hat.

(Quellen: zeit.de, hna.atavist.com)

Fortsetzung: Zschäpes Monolog

„(…) Im Verlauf der nächsten zwei Jahre dachte ich, dass nichts weiter passiert sei. Dies war aber ein Irrtum. (…) Sie erzählten mir (Anfang Oktober 2006) von den weiteren vier Morden, die sie am 9. Juni 2005 (…) in Nürnberg (İsmail Yaşar), am 15. Juni 2005 in (…) München (Theodoros Boulgarides), am 4. April 2006 (…) in Dortmund (Mehmet Kubaşık) und am 6. April 2006 (…) in Kassel (Halit Yozgat) begangen hatten.

(…) Es war eine unendliche Leere in mir. (…) Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde. Ich konnte die weiteren Dinge nur noch geschehen lassen. Ich lebte weiterhin mit den beiden (Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt) zusammen und nahm ihre Taten kaum mehr zur Kenntnis. Wahrscheinlich war auch nur deshalb ein Zusammenleben ohne tägliche Konflikte überhaupt möglich.

Eine Trennung von ihnen erschien mir nicht möglich. (…) Auch in Bezug auf das finanzielle Überleben war ich auf die beiden absolut angewiesen. Während ihrer Abwesenheit spielte ich den ganzen Tag Computerspiele und trank zunehmend Sekt, etwa drei bis vier Flaschen am Tag (…). Ich vernachlässigte unsere Katzen, was für mich völlig untypisch war. (…)“

Rückblende

Dortmund, einige Zeit nach dem 4. April 2006

Gamze Kubasik:

„Zu der Zeit wollte ich meine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau anfangen. Ich hatte schon eine Lehrstelle in Münster gefunden. Mein Vater hatte mich noch zum Vorstellungsgespräch gefahren. Und dann kam mein erster Ausbildungstag. Ich hatte mich darauf gefreut, denn es war schön, dass da etwas Neues begann. Ich dachte noch, endlich kommst du auf andere Gedanken. Dann wurde der Tag zu einem der schlimmsten meines Lebens. Ich ging morgens aus dem Haus, stand am Dortmunder Hauptbahnhof und plötzlich fing das an: Ich sah eine Menschenmenge um mich herum und habe jeden Einzelnen verdächtigt.

Im Zug zitterten meine Hände wie nie zuvor. Mein Herz raste, ich hatte Schweißausbrüche. Und dann stieg kurz vor Münster ein Mann mit Basecap und Fahrrad in den Zug ein. Ich habe sofort gedacht: Das ist er. Das ist der Mann, der meinen Vater ermordet hat. Denn ich wusste ja, die Täter waren mit einem Fahrrad zum Kiosk gekommen. Ich geriet in Panik: Jetzt kommt der Mörder gleich auf dich zu und wird dich erschießen. Als ich in Münster ausstieg, fuhr der Mann weiter, aber ich glaubte immer noch, er sei hinter mir her. (…)“

Fortsetzung: Zschäpes Monolog

„Am 25. April 2007 ermordeten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Polizistin Michèle Kiesewetter und verletzten den Polizisten Martin Arnold schwer. Sie hatten mich zuvor nicht darüber informiert. (…) Einige Tage später (…) berichteten sie davon (…). Ich war regelrecht ausgeflippt, hysterisch und ihnen gegenüber sogar handgreiflich geworden, wobei ich versucht hatte, sie zu schlagen.

Nachdem ich wieder einen vernünftigen Gedanken fassen konnte, fragte ich nach dem Warum. Ich erhielt die unfassbare Antwort, dass es ihnen nur um die Pistolen der zwei Polizisten ging. Sie seien mit ihren Pistolen wegen häufiger Ladehemmungen unzufrieden gewesen. (…) Ich war nur noch fassungslos.

(…) Heute, mit einigen Jahren Abstand, muss ich mir wohl eingestehen, dass ich mit zwei Menschen zusammengelebt habe, die einerseits im täglichen Leben zuvorkommend, tierlieb, hilfsbereit und liebevoll waren und andererseits mit unvorstellbarer Gefühlskälte Menschen getötet hatten. (…)

(Ich) musste (…) beiden mehrfach das absolute Versprechen geben: Sollten beide erschossen werden, oder sollten sie sich selbst erschießen, um einer Verhaftung zuvorzukommen, so sollte ich die von Uwe Mundlos erstellten und versandfertig vorbereiteten DVDs in den Briefkasten stecken und versenden. Ich sollte die Wohnung in Brand setzen, und ich sollte die Eltern des Uwe Mundlos und des Uwe Böhnhardt benachrichtigen.

(…) Vier Jahre passierte nichts (…). Am Freitag, den 4. November 2011, waren die beiden überfällig, nachdem sie am Wochenende zuvor losgezogen waren. Sie wollten ein Objekt für einen Raubüberfall auskundschaften und erwähnten, am Dienstag Geld besorgen zu wollen. (…) An diesem Freitag erfuhr ich über das Radio, dass in Thüringen ein Wohnmobil entdeckt worden sei, welches brennen würde, dass Schüsse gefallen seien und dass sich (…) zwei Leichen im Wohnmobil befinden würden.

Ich war mir sofort sicher, dass dieses Wohnmobil die beiden betraf und dass sie sich getötet hatten. In gewisser Weise war eine unglaubliche Leere in mir. Es war der Tag gekommen, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden nicht mehr zurückkommen. In diesem Augenblick hatte ich nur den einen Gedanken, ihren letzten Willen und mein Versprechen ihnen gegenüber zu erfüllen, nämlich die gemeinsame Wohnung abzufackeln und die DVDs zu verschicken.

(…) Nach meinem Entschluss, die Wohnung in Brand zu setzen, nach meinem Klingeln bei Frau E. und bevor ich das Benzin in der Wohnung verschüttete, ging ich im Treppenhaus ein paar Stufen nach oben und machte mich mit einem lauten Hallo bemerkbar. Es erfolgte keine Reaktion. Ich, hörte weder Arbeitsgeräusche noch Musik und sah auch auf dem Monitor keinen Transporter, nachdem ich in mein Zimmer zurückgekehrt war. Ich war mir daher sicher, dass sich die zwei Handwerker nicht im Haus aufhielten.

(…) Ich nahm mein Feuerzeug, entzündete dies und hielt die Flamme an das Benzin, das sich auf dem Boden verbreitet hatte. Das Benzin fing sofort Feuer, und dieses schoss geradezu durch den gesamten Raum. Alles, was sich in der Wohnung befand, sollte verbrennen. (…) Ich selbst hatte nicht die Absicht, Beweise zu vernichten, die mich in strafrechtlicher Hinsicht belasten könnten. Dies war mir völlig egal. (…) Ich hatte nur, die Gedanken: Ich war jetzt alleine. Ich hatte alles verloren. Ich musste ihren letzten Willen erfüllen. (…)“

Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte. (…) Ich fühle mich moralisch schuldig, dass bei 15 Raubüberfällen die betroffenen Personen körperlichen und seelischen Schaden davon getragen haben, um selbst finanziell gesichert leben zu können. (…)

Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten. (…)

(Quelle: welt.de)

Richter Götzl stellt in den folgenden Prozesstagen Dutzende Nachfragen. Beate Zschäpe wird diese nur schriftlich und nach wochenlanger Beratung mit Grasel und Borchert beantworten. Die mehr als 300 Fragen der Opferanwälte lässt sie unbeantwortet.

Tag 313, 29. September 2016

Beate Zschäpe spricht erstmals selbst im Prozess. Vor ihr liegt eine kurze Erklärung, sie verliest sie mit klarer, etwas gehetzter Stimme. „Ich verurteile, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern und deren Familien angetan haben, sowie mein eigenes Fehlverhalten.“ Sie selbst habe sich früher „durchaus mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts“ identifiziert. Das aber sei vorbei. Heute bewerte sie Menschen nur noch „nach ihrem Benehmen“. Gewalt lehne sie ab.

3. Akt: OLG, München, 13. Dezember 2016 – 3. Juni 2018

Zschäpes Enttarnung

13. Dezember 2016

Zschäpes Großmutter ist gestorben. Nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt war ihre Großmutter der einzige Mensch, zu dem Zschäpe eine enge emotionale Bindung hatte. Der Prozess wurde trotz des Trauerfalls wie geplant fortgesetzt. Beate Zschäpe wirkt auf der Anklagebank niedergeschlagen und übernächtigt. (Quelle: sueddeutsche.de)

Tag 336, 17. Januar 2017

Gerichtspsychiater Henning Saß trägt sein Gutachten über Zschäpe vor. Ein Gespräch mit ihm hatte Beate Zschäpe verweigert. Monatelang aber hat Saß sie im Prozess­ beobachtet und Zeugenaus­sagen studiert.

Er erklärt Zschäpe für voll schuldfähig. Sie zeige „antisoziale“ und „mani­pulati­ve“ Züge, wirke im Prozess, als habe das Verhandelte „kaum etwas mit ihr zu tun“. Sie neige dazu, ihre Verantwortung auf andere zu schieben. Zschäpes eigene Angaben, sie habe die Morde nicht gewollt und immer erst hinterher von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von ihnen erfahren, überzeugen ihn nicht. Saß vermutet, die Angeklagte habe mit Mundlos und Böhnhardt eine verschworene Gemeinschaft gebildet und den „politisch-ideologischen Begründungsrahmen“ für die Taten „aus fremdenfeindlichem, rassistischem und nationalistischem Gedankengut“ akzeptiert.

Der Psychiater hält es für möglich, dass Zschäpe sich in den vergangenen Jahren keineswegs geändert hat. Er spricht von einem „tief eingeschliffenen inneren Zustand“. Damit charakterisierte er sie als sogenannte „Hangtäterin“, die in Freiheit wahrscheinlich wieder Straftaten begehen würde – eine Empfehlung für die Sicherungsverwahrung. Schlimmer hätte die Analyse für Zschäpe nicht ausfallen können. (Quellen: sueddeutsche.de, zeit.de, spiegel.de):

Tag 375, 25. Juli 2017

Richter Götzl schließt die Beweisaufnahme. Bundesanwalt Diemer beginnt sein Plädoyer: Alle Vorwürfe hätten sich im Prozess bestätigt. Zschäpe sei voll  mitverantwortlich für den NSU-Terror. Das Trio sei ein „verschworenes Triumvirat“ gewesen – und Zschäpe die Logistikerin: Sie habe für die Tarnung gesorgt, das Geld verwaltet, falsche Papiere und Wohnungen beschafft – und am Ende das NSU-Bekennervideo verschickt. „Weder die Anschläge noch die Überfälle hätten ohne ihr Zutun in dieser Form stattfinden können.“ 

Das Plädoyer der Bundesanwaltschaft wird acht Prozesstage dauern. Dann fordert Diemer lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Tag 313 – 29. September 2017

Verteidiger Borchert verkündet: „Frau Zschäpe möchte selbst etwas sagen.“

Beate Zschäpe:

„Es ist mir ein Anliegen, Folgendes mitzuteilen: In der damaligen Zeit, zu der ich Uwe Böhnhardt und dessen Freundeskreis kennengelernt hatte, identifizierte ich mich durchaus mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts, welches in dieser Gruppe propagiert wurde. Während der anschließenden Zeit unseres Untertauchens wurden diese Themen – wie beispielsweise die Angst vor Überfremdung – jedoch zunehmend unwichtiger für mich.

Heute hege ich keine Sympathie mehr für nationalistisches Gedankengut. Ich bin der Auffassung, dass Gewalt niemals ein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele sein sollte. Heute beurteile ich Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder politischen Einstellung, sondern nach ihrem Benehmen.

Ich verurteile das, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ihren Opfern und deren Familien angetan haben, sowie mein eigenes Fehlverhalten, wie ich es in meinen bisherigen Stellungnahmen zum Ausdruck gebracht habe.“

Dann legt Beate Zschäpe das Blatt zurück, von dem sie ihre Erklärung abgelesen hat
und weigert sich weiterhin, die Fragen der Familien der Opfer zu beantworten.

22. November 2017

Elif Kubasik hält als Nebenklägerin persönlich ihr Plädoyer: „Ich bin Kurdin und Alevitin und Dortmunderin, eine deutsche Staatsangehörige“. Im Jahr 1991 seien sie, ihr Mann Enver und die gemeinsame Tochter Gamze als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und hätten politisches Asyl erhalten. „Mehmet und ich haben uns sehr geliebt und haben geheiratet, er war sehr liebevoll, er war sehr besorgt um seine Familie, war vernarrt in seine Kinder, er hatte eine sehr enge Bindung zu seiner Tochter Gamze.“

„Mein Herz ist mit Mehmet begraben“, sagt die Witwe weiter. „Ich glaube, die Stärke, die ich heute zeigen kann, die kommt einfach durch die Beziehung mit ihm.“ Sie spricht von dem Vertrauen, der Sicherheit, die ihr Mann ihr gegeben habe – und die es ihr ermöglichten, an diesem Tag überhaupt hier zu sein.

Den fünf Angeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André Eminger, Holger Gerlach und Carsten Schultze zu begegnen, koste sie Kraft, sagt Elif Kubasik und wendet sich an Zschäpe: „Besonders schwer ist es für mich, den Anblick dieser Frau auszuhalten, einfach ekelhaft, ekelhaft war ihre Aussage. Es ist alles Lüge, was sie sagt, sogar die Form, wie sie sich entschuldigt hat, war verletzend. Das war so, als würde sie mich beleidigen.“ Es habe sich so angefühlt, als würde sich Zschäpe „lustig machen“ über sie, die Angehörigen und Hinterbliebenen. (Quelle: spiegel.de)

Tag 419, 24. April 2018

Zschäpes Anwälte Grasel und Borchert plädieren. Die Anklage ist für sie haltlos. Zschäpe habe mit den Terrortaten nichts zu tun. Es gebe keinen Beweis, dass sie an einem Tatort war oder in irgendeine Planung involviert. Zschäpe sei nur für die Raubüberfälle und das Anzünden des Unterschlupfs verantwortlich. Dafür genügten maximal zehn Jahre Haft.

Später halten Zschäpes Alt-Verteidiger Sturm, Stahl und Heer ein zweites Plädoyer. Auch für sie ist Zschäpe unschuldig – und sofort freizulassen. Beate Zschäpe grüßt sie nicht mehr, schaut sie nicht mal mehr an. Obwohl sie direkt neben ihr sitzen. Seit Sommer 2015 hält sie das durch. Schon das sagt viel über Zachäpe aus – und ihren Willen.

Mittlerweile kennt man dieses blasse, bleiche Gesicht. Diese langen Haare, die sie wie einen Vorhang herunterläßt, wenn es unangenehm wird. Dann klappt sie auch ihren Laptop mit den Gerichtsakten vor sich auf wie einen Wall.

Unbewegt hat sie während des Prozesses auf die Zeugen geblickt die da sprachen, weinten, flehten. Wenn sich in diesem Saal jemand im Griff hat, dann ist es Beate Zschäpe. Und sie hat auch ihre neuen Anwälte im Griff, den jungen Mathias Grasel, der neben ihr ausharrt, aber auch den Mann, der nur hin und wieder an ihrer Seite sitzt, Hermann Borchert, ihren Wahlverteidiger. Sie müssen mit ihr jede Erklärung absprechen, jede Antwort auf die Fragen des Gerichts. Sie besteht darauf, alles zuerst zu lesen. Selbst die Plädoyers ihrer Anwälte gingen erst zu ihr in die Haft. Und wenn sie will, dass etwas geändert wird, dann wird es geändert. Es ist ganz klar, wer hier der Chef ist. Besser: die Chefin. Sie hat sich auch gegenüber dem Gericht durchgesetzt mit ihren neuen Verteidigern. Auch in der Haft gilt sie als starke Persönlichkeit.

(Quellen: taz.de, tagesspiegel.de, sueddeutsche.de)

3. Juni 2018, 10.20 Uhr

Beate Zschäpe zupft ihren Schal zurecht. Dann ordnet sie umständlich das Papier in ihren Händen, holt tief Luft und sortiert noch mal das Papier. Es wirkt, als müsste sie Anlauf nehmen, sich überwinden, bevor sie ihr Schlusswort sagt:

„Hoher Senat, heute möchte ich meine Chance der letzten Worte nutzen“, liest sie vor, mit hoher Stimme und starkem Thüringer Dialekt. Der Ton ist souverän und nüchtern, Zschäpe liest vom Blatt ab wie eine Nachrichtensprecherin. Sie redet von einem „jahrelang andauernden Lernprozess“ und dass sie „gravierende Fehler“ gemacht habe. „Zwar akzeptiere ich die Meinung und Gesinnung der Mitangeklagten, habe aber für mich die Entscheidung getroffen, dass rechtes Gedankengut keine, aber auch gar keine Bedeutung mehr für mich hat“.

Den Mangel an Emotion will Zschäpe auch erklären. „Eigene Gefühle zu unterdrücken, sie nicht nach außen zu tragen – so verfahre ich schon seit frühester Jugend. Diese mir anerzogene Verhaltensweise hat mein Prozessverhalten sicherlich negativ beeinflusst.“

Zschäpe sagt, sie könne nichts mehr beitragen „als diese Worte des aufrichtigen Bedauerns“. Entsetzt sei sie gewesen, und sie entschuldige sich „für das Leid, das ich verursacht habe“. Zschäpe behauptet, sie wäre im NSU der schwache Teil gewesen. Nun wolle sie „nur noch ein Leben ohne Angst und Abhängigkeit führen“. Mit ihrem Wissen geschah laut Zschäpe gar nichts. Dementsprechend schließt sie ihren Vortrag: „Ich bitte Sie, ein Urteil zu fällen, welches unbelastet vom öffentlichen Druck ist. Bitte verurteilen Sie mich nicht stellvertretend für Taten, die ich nicht gewollt habe.“

Ihr Verteidiger Grasel schaltet das Mikrofon aus. Zschäpe lehnt sich zurück.(Quelle: zeit.de)

11. Juni 2018, letzter Prozesstag

Auf der Besuchertribüne ist kein Platz frei. Mehr als 20 Justizwachtmeister sind zur Sicherheit der hundert Zuschauer im Einsatz. Ein knappes Dutzend rechter Gesinnungsgenossen ist gekommen, die meisten Mitglieder der Kameradschaft Süd, auch Frauen. Sie haben sich in Schwarz gekleidet – ein Statement der Solidarität. Auch Ralf Wohlleben und André Eminger tragen an diesem Tag schwarzes Hemd und schwarze Hose. Ihr Blick sucht immer wieder die Anhänger, sie winken, lachen. Großes Hallo. Und gute Laune.

Beate Zschäpe kommt in den Saal: Mit einem Lächeln im Gesicht geht sie zu ihrem Platz. In ihrem schwarzen Hosenanzug und dem rosafarbenen Halstuch wirkt sie eher wie eine Anwältin als eine wegen zehnfachen Mordes angeklagte Frau. Sie setzt sich zwischen ihre Anwälte.

Das Urteil für Beate Zschäpe hallt in den Gerichtssaal: „Lebenslange Haftstrafe, und die Schuld wiegt besonders schwer.“

Minutenlang faltet Zschäpe die Hände fest über dem Tisch zusammen und blickt unbewegt zum Richtertisch. Sie lässt die Haare wie eine Gardine über ihr Gesicht fallen, sodass niemand ihre Mimik sehen kann.

Knapp vier Stunden lang begründet Götzl den Urteilsspruch: Das OLG geht davon aus, dass der NSU aus drei Personen bestand: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe:

Die Gruppe habe sich 1998 gegründet, um Anschläge zu begehen, die Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch den Staat einschüchtern sollten. Das Ziel der drei Rechtsterroristen sei es gewesen, den Staat als „hilflose Institution“ vorzuführen, andere Rechtsradikale für ähnliche Taten zu motivieren und langfristig die „Änderung der staatlichen Struktur im nationalsozialistischen Sinne“ durchzusetzen.

Götzl rekonstruiert jeden einzelnen der zehn Morde: Wie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unmaskiert die ihnen unbekannten Opfer überraschten und ihnen mit einer Ceska-Pistole aus kürzester Entfernung ins Gesicht schossen und Fotos fertigten für ihr späteres Bekenntnis.

9. September 2000, Nürnberg, Enver Simsek (38)

Am Mittag steht Enver Simsek an seinem mobilen Blumenstand hinter einem Tisch mit Schnittblumen in der Liegnitzer Straße in Nürnberg. Er sortiert Blumen in seinem weißen Mercedes-Kastenwagen, auf dem sein Name in großen Lettern steht. Es ist ein schöner Tag.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kommen zwischen 12.45 und 14.45 Uhr. Neun Schüsse fallen, sechs aus der Pistole Ceska 83. Ein Schuss des ersten Täters verfehlt ihn, vier treffen Simseks Kopf, einer die Brust. Nachdem Enver Simsek zu Boden geht, feuert der zweite Täter mit einer Pistole Bruni. Eine der Kugeln bleibt im Kopf stecken und sorgt dafür, dass Simsek zwei Tage später im Krankenhaus sterben wird. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos fotografieren Enver Simsek und verschließen den Transporter.

13. Juni 2001, Nürnberg, Abdurrahim Özüdogru (49)

Die Änderungsschneiderei liegt in einem ruhigen Wohngebiet von Nürnberg, in einem kleinen Laden in der Gyulaer Straße. Abdurrahim Özüdogru, der Inhaber, lebt schon seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Lange Zeit arbeitete er Maschinenarbeiter in Schichten in einem Unternehmen in Röthenbach an der Pegnitz, während seine Frau die Schneiderei betreibt. Als sich das Ehepaar trennt, führt Abdurrahim Özüdogru das Geschäft fort.

Am Mittwoch, dem 13. Juni 2011, es ist wahrscheinlich gegen 16.30 Uhr, betreten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Laden. Ein erster Schuss aus der Ceska 83 trifft Abdurrahim Özüdogru von vorne im Gesicht und durchschlägt seinen Kopf. Er sinkt zu Boden, den Oberkörper gegen eine Tür gelehnt. Jetzt tritt der zweite Täter an ihn heran und schießt ihn aus kurzer Entfernung in die rechte Schläfe. Abdurrahim Özüdogru stirbt noch am Tatort als Folge einer zentralen Lähmung. Als ihn ein Passant am Abend gegen 21.25 Uhr entdeckt, ist er schon lange tot.

Auch ihn fotografieren die Täter. Das Bild findet sich auf der Bekenner-DVD. Die Sequenz in dem monströsen Comic: Der Rosarote Panther geht zu einem Geschäft mit dem Schild „Türkische Schneiderei“. Danach sieht man zweimal Licht aufblitzen, dann wird das Foto des Ermordeten eingeblendet. Ein Sprecher sagt. „Abdurrahim Özüdogru ist nun klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist.“

Abdurrahim Özüdogru hinterlässt neben seiner Ex-Frau eine Tochter. Sie ist zum Zeitpunkt des Mordes 19 Jahre alt.

27. Juni 2001, Hamburg, Süleyman Tasköprü (31)

Tatort ist das kleine, nur 24 Quadratmeter große Lebensmittelgeschäft mit dem Namen „Tasköprü Market“ in der Schützenstraße in Hamburg-Bahrenfeld. Es ist Mittwoch, der 27. Juni 2011, kurz vor Mittag. Süleyman Tasköprü hat erst drei Monate zuvor das Geschäft von seiner Familie übernommen. Nun steht er zwischen der Kühltheke und dem Tisch, auf dem die Kasse steht, als eine Kugel aus der Ceska 83 seine linke Wange trifft und den Kopf durchschlägt. Süleyman Tasköprü geht zu Boden, seine Brille fällt in den Brotkorb. Jetzt schießt ihn der zweite Täter zweimal in den Hinterkopf. Die später gefundenen Schmauchspuren lassen auf aufgesetzte Schüsse schließen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fotografieren Süleyman Tasköprü, bevor sie flüchten.

Als der Vater, der nur kurz einkaufen war, Süleyman wenig später findet, atmet er noch. Der Vater hält den Sohn, der etwas sagen will; aber die Kraft schwindet. Die Rettungskräfte sind schnell da, doch vergebens. Süleyman Tasköprü stirbt mit 31 Jahren an einer Hirnlähmung, die von den drei Kugeln in seinem Kopf ausgelöst wird. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin und seine zur Tatzeit drei Jahre alte Tochter, die von nun an bei seinen Eltern aufwächst.

Tasköprüs Mutter stirbt, bevor das Verbrechen aufgeklärt wird. Der Vater ist in die Türkei zurückgekehrt.

29. August 2001, München, Habil Kilic (38)

In dem „Frischmarkt“ in der Bad-Schachener-Straße werden Lebensmittel, Obst und Gemüse verkauft. Ramersdorf-Perlach ist nicht die teuerste Gegend von München, aber auch nicht die billigste. Ganz in der Nähe, keine 100 Meter entfernt, befindet sich die Verkehrspolizeiinspektion der Münchner Polizeidirektion.

Habil Kilic war 1989 aus der Türkei mit seiner Frau nach Deutschland gezogen. Das Geschäft „Frischmarkt“ besitzen sie seit März 2000. Sie haben eine gemeinsame, 12 Jahre alte Tochter. Hauptberuflich arbeitet Kilic auf dem Münchner Großmarkt als Staplerfahrer. Nur wenn seine Frau Urlaub nimmt, betreut er tagsüber den Laden.

Am Mittwoch, dem 29. August 2001, steht Habil Kilic hinter dem Holztresen, der sich neben dem Süßwaren-Regal befindet. Es ist Vormittag, kurz nach 10.30 Uhr, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Geschäft betreten. Einer hat einen Gegenstand mit einer Plastiktüre umwickelt. Es ist die Ceska 83, aus der sofort geschossen wird. Die Kugel durchschlägt den Kopf von Habil Kilic, der sich trotzdem noch hinter den Tresen ducken kann. Dort trifft ein ihn zweiter Kopfschuss, diesmal von hinten. Um 10.50 Uhr findet ihn eine Kundin findet. Habil Kilic stirbt kurze Zeit darauf am Tatort.

25. Februar 2004, Rostock, Mehmet Turgut (25)

Der Neudierkower Weg ist eine Sackgasse am Rande des Rostocker Stadtteiles Dierkow. „Mr. Kebab Grill” heißt der Imbiss-Stand, der sich dort angesiedelt hat, in einem 2,5 mal 4,5 Meter großen Container, vor dem zwei Stehtische aufgestellt sind. Es ist Mittwoch, der 25. Februar 2004, etwa 15 Minuten nach 10 Uhr.

Zu dem Zeitpunkt steht Mehmet Turgut in dem Imbiss. Er wohnt eigentlich in Hamburg und ist nur auf Besuch bei Freunden in Rostock. Er hat sich spontan dazu entschlossen, in dem Imbiss auszuhelfen.

An diesem Vormittag treten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an die Tür des Containers und geben mit der Ceska 83 vier Schüsse ab. Turgut wird in den Kopf geschossen, und ein Teil der Schüsse wird abgegeben, als er bereits am Boden liegt.

Als ihn der Besitzer des Imbisses um 10.20 Uhr findet, lebt Mehmet Turgut noch. Er stirbt wenig später im Rettungswagen.

Mehmet Turgut war unverheiratet und hatte keine Kinder.

9. Juni 2005, Nürnberg, Ismail Yasar (50)

Auf dem Container steht „Scharrer Imbiss“. Er ist an der Scharrer-Straße im Stadtteil St. Peter aufgestellt.

Ismail Yazar lebt schon lange in Deutschland, seit 1978. Er wohnt getrennt von seiner Ehefrau. Der gemeinsame Sohn ist 15. Yazar ist Schweißer, arbeitete in verschiedenen Nürnberger Betrieben, bis er sich 1999 mit dem Imbiss in der Scharrer-Straße selbstständig machte.

Der 9. Juni 2005 ist ein Donnerstag. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kommen gegen 9.30 Uhr mit Fahrrädern. Sie schauen in der nahen Zerzabelshofstraße auf einen Stadtplan, dann warten sie auf einem Spielplatz, der dem Imbiss gegenüber liegt. Gegen 10 Uhr gehen sie in den Imbiss-Container.

Einer der Täter schießt mit der Ceska 83, die wieder in eine Plastiktüte gewickelt ist. Die Kugel verfehlt Ismail Yazar. Sie streift nur sein rechtes Ohr und durchschlägt die Hintertür. Ismail Yazar versucht, hinter der Theke in Deckung zu gehen, als ihn ein zweiter Schuss unterhalb seines rechten Ohres direkt in den Kopf trifft. Yasar geht zu Boden. Drei weitere Schüsse treffen seinen Oberkörper. Die Schlüsselbeinschlagader wird durchtrennt. Ismail Yazar verblutet.

Nach der Tat verstauen Mundlos und Böhnhardt die Waffe in einem Rucksack und fahren davon.

Einer Zeugin, die in unmittelbarer Tatortnähe um die Tatzeit zwei Männer mit Fahrrad gesehen hat, war im Supermarkt kurz zuvor eine Frau aufgefallen, die sie an die Schauspielerin Sara Gilbert erinnerte. Nach Veröffentlichung der Fahndungsbilder 2011 hielt die Zeugin sie für Beate Zschäpe. Tatsächlich ist die Ähnlichkeit frappierend.

15. Juni 2005, München, Theodoros Boulgarides (41)

Zwei Wochen ist das Ladenlokal des Schlüsseldienstes „Schlüsselwerk“ an diesem 15. Juni alt. Es liegt in der Trappentreustraße, einer vielbefahrenen Magistrale im Münchner Westen. Direkt vor dem Schlüsseldienst ist eine Bushaltestelle, an der alle zehn Minuten ein Bus hält. Das Geschäft ist dank der Schaufenster gut einsehbar.

Theodoros Boulgarides lebt seit 1973 in München. Hier hat er Abitur gemacht, hier lernte er Einzelhandelskaufmann, hier arbeitet er bei der Deutschen Bahn. Von seiner Frau, mit der er zwei Töchter im Alter von 15 und 18 Jahren hat, lebt er getrennt. Am 1. Juni eröffnet er zusammen mit einem Geschäftspartner den Schlüsseldienst.

Es ist Mittwochabend, nach halb sieben, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Laden betreten. Theodoros Boulgarides steht hinter dem Tresen. Ein Täter erhebt die Ceska 83, die in einer Plastiktüte versteckt ist, und schießt Boulgarides direkt ins Gesicht. Theodoros Boulgarides bricht zusammen, der Schütze geht um den Tresen herum und gibt aus kurzer Entfernung noch zwei Kopfschüsse ab.

Theodor Boulgarides ist schon tot, als ihn sein Geschäftspartner um 19 Uhr findet.

Um 15.22 war das Handy von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos von einer Telefonzelle nahe der damaligen Zwickauer Wohnung der Drei angerufen worden. Mehr als sechs Jahre später werden die Ermittler in Zwickau einen Zettel finden mit der Handy-Nummer und der Aufschrift „Aktion“. Für die Generalbundesanwaltschaft ist dies ein zentraler Beweis für die Mitwisser- und Mittäterschaft von Beate Zschäpe.

4. April 2006, Dortmund, Mehmet Kubasik (39)

Die Mallinckrodtstraße durchschneidet vierspurig die Stadt Dortmund von Ost nach West. Der Verkaufsraum des 40 Quadratmeter großen Geschäfts von Mehmet Kubasik weist direkt zur Straße. Normalerweise arbeitet an Vormittagen seine Frau in dem Kiosk. Doch weil ihre Schwester zu Besuch ist, steht Mehmet Kubasik an diesem Mittag hinter dem Tresen.

Mehmet Kubasik und seine Frau Elif stammen aus der Provinz Kahramanmaras im südöstlichen Teil Anatoliens in der Türkei nicht weit von der syrischen Grenze entfernt. Beide zusammen haben 15 Geschwister. Mehmet Kubasik hatte auf den Feldern seines Vaters gearbeitet, wo es der Familie wirtschaftlich sehr gut ging. Sie sind kurdisch-türkische Aleviten, und in dieser Gegend der Türkei gab es heftige Auseinandersetzungen mit Bürgern dieser muslimischen Glaubensrichtung, die bis heute von den Mehrheits-Muslimen in der Türkei nicht als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt wird. Mehmet Kubasik jedenfalls beschloss, mit seiner Frau und der Tochter nach Deutschland zu fliehen, nach dem er immer wieder Angst vor Verfolgung haben musste.

Gamze Kubasik war damals, 1989, vier Jahre alt, ihr Vater 23. Ein Bekannter lotste sie nach Deutschland ins Ruhrgebiet nach Dortmund. Zwei Wochen wohnten sie zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer umgebauten Schule und schließlich in einem Flüchtlingsheim. Sie bekamen den internationalen Flüchtlingspass für anerkannte Asylsuchende, 2003 den deutschen Pass.

Mehmet Kubasik jobbte erst als Hilfskraft in einem Obst- und Gemüsegroßhandel, später als Bauarbeiter, und schließlich, als er sich nach einem Schlaganfall wieder erholt hat, beschloss er, sich mit dem Kiosk selbständig zu machen. Einen Beruf hat er nicht gelernt. Der Kiosk ernährt ihn, seine Frau, die Tochter und die beiden Söhne. Die Kinder sind 20, elf und sechs Jahre alt. (Quelle: tagesspiegel.de)

Es ist kurz vor ein Uhr Mittag an diesem Dienstag im April, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Kiosk betreten. Sie schießen sofort. Die erste Kugel verfehlt Mehmet Kubasik und schlägt in der Wand ein. Mehmet Kubasik dreht sich um und reißt die Hände hoch. Da trifft ihn die zweite Kugel in das rechte Auge. Kubasik sackt zusammen, als ihn die dritte Kugel in den Kopf trifft. Er lebt nur noch Sekunden. Als ihn eine Kundin wenige Minuten später entdeckt, ist er tot.

Die Tatwaffe ist wieder die Ceska 83 – die wieder aus einer Plastiktüte abgefeuert wird.

6. April 2006, Kassel, Halit Yozgat (21)

Das Internet-Café liegt in der Innenstadt, an der Holländischen Straße, nur wenige Meter neben einer Polizeistation. Es gibt sieben Telefon- und sieben Internet-Plätze.

Halit Yozgaz stammt aus Kassel, ist 21 Jahre alt und deutscher Staatsbürger. Sein Vater Ismail hatte ihm zwei Jahre zuvor das Café eingerichtet. Die Einnahmen reichen zum Leben. Nebenher besucht Halit die Abendrealschule.

Es ist Donnerstag, der 6. Juni 2006, gegen 17 Uhr. Halit Yozgat sitzt hinter einem Schreibtisch, der gleichzeitig als Theke dient. Zwischen dem Schreibtisch und dem Gastraum steht ein großflächiges Plakat. Mehrere Menschen telefonieren und chatten, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Laden betreten.

Die erste Kugel trifft Halit Yozgat in die rechte Schläfe und reißt ihn vom Stuhl. Im Fallen trifft ihn eine Zweite in den Hinterkopf. Als ihn sein Vater wenige Minuten später auffindet, ist er tot.

Keiner der Menschen in dem Café will etwas von dem Mord mitbekommen haben – außer dumpfen Geräuschen, die sie im Nachhinein als Schüsse identifizieren.

Ein Gast namens Andreas Temme kann gar nichts mitteilen – obwohl er für das hessische Landesamt für Verfassungsschutz arbeitet, und, wie er selbst sagt, zufällig in dem Café war. Temme wird in seiner Behörde „Klein Adolf“ genannt, weil er mehr als nur dienstliche Kontakte ins rechtsextreme Milieu pflegen soll. Wenige Sekunden nach der Tat verließ er das Lokal. Doch die Ermittlungen, die man gegen ihn einleitet, werden wieder eingestellt. Ein interner Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz zu den Vorgängen um Andreas Temme unterliegt einer Sperrfrist mit der ungewöhnlichen Länge von 120 Jahren (Quelle: sueddeutsche.de).

Als Richter Götzl den Mord an Halit schildert, wie die Mörder dem 21-Jährigen in die Schläfe schossen, da springt dessen Vater Ismail Yozgat auf und schreit auf Türkisch den immer gleichen Satz: „Gott, steh‘ mir bei!“ Ein Ausruf, der in der Türkei bei Trauerfeiern gerufen wird. Er schreit es mit der Stimme eines Verzweifelten, der im Meer treibt und um Hilfe ruft. Ismail Yozgat beruhigt sich nicht. Götzl ermahnt ihn: „Bitte setzen Sie sich hin, sonst muss ich Maßnahmen ergreifen, was ich nicht möchte!“

25. April 2007, Heilbronn, Michèle Kiesewetter (22)

Die Theresienwiese in Heilbronn liegt am Neckarkanal und ist eher ein Platz, geschottert und asphaltiert. Hier werden Feste gefeiert oder Autos abgestellt – und hier verbringen gerne Streifenpolizisten ihr Pausen.

Der 25. April ist mit 25 Grad ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit. Im südlichen Teil der Theresienwiese bauen Schausteller ihre Attraktionen für das Frühlingsfest auf, als Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und Polizeimeister Martin Arnold (24) mit ihrem Streifenwagen auftauchen. Kiesewetter hat eigentlich Urlaub. Sie ist kurzfristig eingesprungen.

Michèle Kiesewetter wuchs in Oberweißbach in Thüringen auf, in der Nähe von Saalfeld, einem der Umtriebsorte des „Thüringer Heimatschutzes“, dem der NSU entstammte. Kiesewetters Onkel arbeitet als Kriminalpolizist in Saalfeld und war vor Jahren beim Staatsschutz beschäftigt. Michèle Kiesewetter begann 2003 als 19-Jährige eine Polizei-Ausbildung in Baden-Württemberg. Nach ihrer Versetzung zu einer Einheit in Böblingen zog sie 2005 nach Nufringen, wo sie seither mit einer Freundin zusammen in einer WG lebt. (Quelle: unvergessen.blogsport.de)

Michèle Kiesewetter und Martin Arnold haben die Türen geöffnet, bleiben aber im Auto sitzen. Michèle Kiesewetter zündet sich gerade eine Zigarette an, als von hinten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an das Auto herantreten – und Michèle Kiesewetter und Martin Arnold in den Kopf schießen. Diesmal kommt nicht die Ceska 83 zum Einsatz.

Böhnhardt und Mundlos fliehen nicht sofort. Sie stehlen die Dienstwaffen, die Munition, das Reizgas, die Taschenlampe, das Taschenmesser. Sie reißen die Sachen ihren Opfern förmlich vom Leib.

Michèle Kiesewetter stirbt noch am Tatort. Martin Arnold überlebt schwer verletzt.

Das Oberlandesgericht München geht von einer Mittäterschaft Beate Zschäpes an allen Taten des NSU aus. Zschäpe habe sich gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt entschlossen, „Menschen aus rassistischen Gründen oder als Repräsentanten des Staates“ zu töten. Zschäpe habe gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt im Vorfeld „gründlich“ alle Taten geplant und vorbereitet. Götzl erinnert daran, dass für Mittäterschaft weder Anwesenheit am Tatort noch Beteiligung am Kerngeschehen verlangt. Es komme vielmehr u. a. auf die „Tatherrschaft“ oder den „Willen zur Tatherrschaft“ an: „Sie (Zschäpe) blieb der Fixpunkt des Verbandes.“

Zwar sollten die Taten vor Ort von den „sportlich durchtrainierten Männern“ begangen werden. Zschäpe habe aber „wesentliche und unverzichtbare Tatbeiträge“ geliefert. So sollte sie nach außen eine „harmlose Legende“ liefern. Sie besorgte falsche Ausweise und „Kommunikationsmittel“ auf falsche Namen. Sie war an der Verwaltung der Gruppenfinanzen beteiligt und an der Beschaffung einer Waffe. Auch die Ausspähung möglicher Tatorte habe sie mindestens einmal übernommen – an einer Berliner Synagoge.

Eine besonders wichtige Rolle kam Zschäpe zu, wenn ein Überfall oder Anschlag missglücken sollte: Mundlos und Böhnhardt wollten im Fall einer drohenden Verhaftung Suizid begehen, während Zschäpe sogleich die vorbereiteten Bekenner-Videos verschicken sollte. Deshalb musste Zschäpe während solcher Verbrechen immer zu Hause oder in der Nähe der Wohnung bleiben. Laut OLG München gingen die Terroristen davon aus, dass sie besonders große Angst und Verunsicherung erzeugen können, wenn sie die Ceska-Mordserie erst im Nachhinein für sich und ihre nationalsozialistischen Ziele reklamieren.

Die Brandstiftung Beate Zschäpes der gemeinsamen Wohnung in Zwickau, nachdem Mundlos zuerst Böhnhardt und dann sich selbst erschossen hatte, gilt als weiterer versuchter Mord an einer Nachbarin. Hinzu kommen zwei Sprengstoffanschläge in Köln – auf ein Lebensmittelgeschäft und auf Passanten. Dabei kam es nur durch Zufall nicht zu Todesopfern, aber zu vielen Verletzten. Das OLG sieht darin Mordversuche. Hinzu kommen insgesamt 15 Raubüberfälle auf Supermärkte, Postfilialen und Sparkassen.

Angesichts der vielen Morde stellt das Gericht bei Beate Zschäpe eine besondere Schwere der Schuld fest. Damit ist eine Entlassung nach 15 Jahren faktisch ausgeschlossen. Auf eine anschließende Sicherungsverwahrung für Zschäpe verzichtete das OLG. Aus der lebenslangen Freiheitsstrafe werde sie ohnehin erst entlassen, wenn von ihr keine Gefahr mehr ausgeht.

Die vier Mitangeklagten Ralf Wohlleben, Carsten Schultze, André Eminger und Holger Gerlach erhalten als NSU-Unterstützer und -Helfer Haftstrafen zwischen zweieinhalb und 10 Jahren. Eminger wird zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt, obwohl die Bundesanwaltschaft gefordert hatte, ihn auch wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen. „Im Übrigen wird er freigesprochen“, sagt Götzl.

Applaus brandet auf. Die Gesinnungsgenossen klatschen freudig auf.

(Quellen: lto.despiegel.de, welt.de, derwesten.de)

Epilog

Beate Zschäpe

Der Sozialpsychologe Erich Fromm sah im Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit fundamentale Wesenszüge aller Menschen. Viele Menschen seien dieser Freiheit jedoch nicht gewachsen bzw. haben durch Erziehung einen Sozialcharakter erworben, der an Macht und Gehorsam orientiert sei. Als typische Züge des „autoritären Charakters“ nannte Fromm die Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, Selbsterhöhung, eine Denkweise, die an Konventionen hängt, zugleich abergläubische und stereotype Züge hat, sensible und künstlerische Seiten zurückweist und vor allem fremde Menschen und Sitten ablehnt. Die „autoritäre Persönlichkeit tendiere bei extremer Ausprägung dazu, „potentiell faschistisch“ und destruktiv zu sein. Fromm verwendete den Begriff „autoritärer Charakter“ synonym mit der Bezeichnung „sadomasochistischer Charakter“. „Sadismus“ und „Masochismus“ verwendete Fromm nicht in Bezug auf sexuelle Praktiken, sondern im Verhältnis zur Autorität:

„Diese Terminologie ist auch dadurch gerechtfertigt, dass der Sado-Masochistische immer durch seine Einstellung zur Autorität gekennzeichnet ist. Er bewundert die Autorität und strebt danach, sich ihr zu unterwerfen; gleichzeitig aber will er selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen.“ (Escape from Freedom 1941/1978, S. 163)

Dieses Konzept von Fromm vermag Beates Zschäpes widersprüchlich erscheinendes Verhalten und ambivalenten Gefühle zu erklären: Einerseits unterwarf sie sich – aus zerrütteten Verhältnissen stammend und nach Halt suchend – insbesondere der Autorität Uwe Böhnhardts, der sie regelmäßig schlug (Quelle: spiegel.de), und generell ihrer „Familie“, von der sie sich selbst nach 10 Morden nicht zu trennen vermochte. Zugleich agierte sie als Mittäterin an den Verbrechen ihrer „Familie“. Es war vorwiegend diese „sadistische“ Seite, die Zschäpe auch während des NSU-Prozesses zeigte, als sie sich den Richter Manfred Götzl und die von diesem genehmigte Wahlverteidiger Mathias Grasel und Hermann Borchert gefügig machte sowie ihre Altverteidiger Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm seither mit Mißachtung strafte.

Der NSU-Prozess hat Beate Zschäpes faschistische Seele enttarnt und sie entsprechend verurteilt.

Im Schlusswort beteuerte Beate Zschäpe zwar, „dass rechtes Gedankengut keine, aber auch gar keine Bedeutung mehr für mich hat“. Doch Zschäpe hat es bis zuletzt vermieden, mutmaßliche Mittäter oder Beihelfer zu nennen und belasten, die nicht bereits bekannt waren.

Zschäpe sagte zwar zudem, sie könne nichts mehr beitragen „als diese Worte des aufrichtigen Bedauerns“, und sie entschuldige sich „für das Leid, das ich verursacht habe“Dennoch hat sie sich bis zum Schluss geweigert, Fragen der Nebenkläger zu beantworten. 

Wie ein authentischer Ausstieg aus der extremistischen Szene und ein wahrhaftiges Bedauern aussieht, hat Carsten Schultze vorgemacht. Exemplarisch ist auch das Bedauern von Ingo Hasselbach, dem bekanntesten Neonazi-Austeiger in Deutschland. Hasselbach war „Führer“ der Ostberliner Neonazi-Szene. Erste Zweifel kamen ihm nach den Brandanschlägen in Rostock-Lichtenhagen und Mölln nach der Wende.

Am 23. Februar 1997 erschoss Kay Diesner den jungen Polizisten Stefan Grage. Dessen Kollege wurde lebensgefährlich verletzt. Zuvor hatte Diesner den linken Buchhändler Klaus Baltruschat niedergeschossen. Angeblich ein Einzeltäter. Doch der Mann war jahrelang als Nazi-Killer ausgebildet worden. Einer der Lehrer: Ingo Hasselbach. Hierzu sagte dieser: „Also, in dem Moment ist mir ehrlich gesagt wirklich schlecht geworden. Ich hab dagesessen und gedacht, lass es nicht Kay Diesner sein, (…) wo Du nicht sagen kannst, „damit habe ich nichts zu tun“. Damals, meine Ausstiegsgründe waren Mölln, weil ich mich dafür verantwortlich fühlte. Damit hatte ich nur indirekt zu tun, aber dieses Mal war ich jemand, der ihn wirklich gepuscht hatte (…).“ (Quelle: youtube.com)

Um auszusteigen, tauchte Ingo Hasselbach zunächst lange Zeit ab. Seinen offensiven Umgang mit dem Ausstieg und die Veröffentlichung des 1994 erschienenen Buches Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus. quittierten seine ehemaligen Kameraden mit einem nur knapp gescheiterten Anschlag mit einer Buchbombe auf seine Mutter. Nachfolgend offenbarte Ingo Hasselbach sein ganzes Wissen über die Neonazi-Szene dem Bundeskriminalamt, obwohl er damit nicht nur andere, sondern auch sich selbst stark belastete. 1996 erschien Hasselbachs zweites Buch Die Bedrohung – mein Leben nach dem Ausstieg. Im Jahr 2000 gründete er die Aussteiger-Initiative „Exit“ mit. Ende 2002 kam der Film Führer Ex in die Kinos, für den er das Drehbuch mitgeschrieben hat. Bis heute engagiert sich Hasselbach u. a. auf Twitter gegem Rechtsextremismus.

Beate Zschäpe leugnet ihre Taten nicht, spielt aber ihre Rolle herunter. Aber je eher und je klarer sie sich ihren Taten stellen würde, desto höher wäre ihre Chance, eines Tages freizukommen. Wenn sie ernsthaft dazu bereit wäre, reinen Tisch zu machen, dann würde Gamze Kubasik zu ihrem Versprechen stehen: Sie würde sich dafür einsetzen, dass Zschäpes Aufklärung bei der Mindestverbüßungsdauer berücksichtigt wird. (Quelle: spiegel.de)

Allerdings darf bezweifelt werden, dass Beate Zschäpe – anders als Carsten Schultze und Ingo Hasselbach – eine notwendige Voraussetzung für die Lossagung vom Neonazismus und aufrichtiges Bedauern hat: Empathie für andere, in diesem Fall für die Hinterbliebenen ihrer Opfer. Nur zwei Mal hat Zschäpe in all den Jahren des Prozesses Mitgefühl gezeigt: für sich selbst in Anbetracht der Erinnerung ihres Verlustes von Uwe Böhnhardt – ausgelöst durch die Zeugenaussage von dessen Mutter – und nach dem Tod ihrer Großmutter.

Gamze Kubaşık

Gamze Kubaşık sehnt sich nach sich selbst. Aber noch, sagt sie, sei alles, was andere von ihr sehen können, Fassade. Dahinter ist Dunkelheit. Sie kann sich dort im Inneren einfach nicht mehr finden. Nur den Vater, ihren geliebten Vater, sieht sie an diesem düsteren Ort immer wieder aufleuchten, auch wenn das Bild verschwimmt. Sie bekommt es nie scharf gestellt. Wenn es weg ist, hinterlässt es Leere. Das passiert ihr jeden Tag.

„(…) das Vermissen wird jeden Tag schlimmer. Wir waren Freunde, haben früher jeden Tag geredet, wenn ich ihn im Kiosk abgelöst habe, damit er einkaufen fahren kann. Er hat immer gesagt, ich sei seine rechte Hand. Deshalb habe ich mir nach seinem Tod seinen Namen in den rechten Unterarm tätowieren lassen.“

„Samstagabends oder sonntags, wenn nur wenige Menschen auf der Straße sind, die mich beobachten oder Fragen stellen könnten, besuche ich meinen Vater. (…) Er ist weit weg in der Türkei begraben. Aber nur wenige Straßenecken von unserer Dortmunder Wohnung entfernt ist mittlerweile ein Gedenkstein in den Bürgersteig eingelassen mit seinem Namen. Das ist für mich wie das Grab meines Vaters. Dort kann ich jetzt mit ihm sprechen. (…)

Der Gedenkstein für meinen Vater liegt in der Dortmunder Mallinckrodtstraße, direkt vor dem Kiosk, in dem mein Vater Mehmet im April 2006 erschossen wurde. Früher war dieser Kiosk unser Familienmittelpunkt. Ich war sehr oft da und habe meinem Vater geholfen. Nachdem er dort getötet wurde, konnte ich jahrelang keinen Fuß in die Straße setzen. Erst seit der Gedenkstein dort liegt, traue ich mich wieder dorthin.“ 

„Ich habe nach der Heirat bewusst den Familiennamen Kubaşik behalten. Ich wollte meinen Namen nicht abgeben, weil ich glaube, mein Vater hätte das nicht gewollt. Er war so stolz auf mich als Tochter, und so kann ich sein Andenken weitertragen.“

(Quellen: taz.de, tagesspiegel.de)

Ismail Yozgat

Bei der Gedenkfeier der Bundesregierung in Berlin 2012 hatte Ismail Yozgat den Wunsch geäußert, dass die Straße, in der sein Sohn ermordet wurde, umbenannt wird – von Holländische Straße in Halit-Straße: Sein Sohn Halit kam in dieser Straße zur Welt und wurde dort getötet. Sein Sohn kam 1985 in demselben Haus zur Welt, in dem er später mit seinem Vater das Internetcafé eröffneten. Sie haben dort 15 Jahre gelebt. Gegen Ismail Yozgats Wunsch gab es Widerstand in Kassel. Sie haben ihm einen namenlosen Platz gegeben, und eine Bushaltestelle nach seinem Sohn benannt: „Halit-Haltestelle“. Doch Ismail Yozgat wird den Wunsch, dass die Holländische Straße umbenannt wird, immer in seinem Herzen tragen:

„Im Namen Gottes/ Allahs

Ich beginne meine Worte in respektvoller Andacht an alle Menschen in der ganzen Welt, die aus terroristischen Motiven ermordet worden sind.

Sehr geehrte Freunde und Gäste,

herzlichen Dank dafür, dass Sie uns an diesem schmerzerfüllten Tag nicht alleine gelassen haben und hier erschienen sind.

Wie Sie wissen, wurde mein einziger Sohn Halit mit 21 Jahren von grausamen und bestialischen Menschen durch mehrere Kopfschüsse ermordet.

Jedes Jahr kommen wir daher am 06. April um 15:30 Uhr zusammen, um an Halit zu gedenken.

Wir sind Ihnen von Herzen dankbar, dass Sie keine Mühen gescheut haben und ebenfalls mit uns hier sind.

Diesen Teil meiner Rede widme ich jenen, die heute nicht hier erschienen sind:

Menschen mit Ausländerhass haben entschieden, am 06. April 2006 einen Türken in Kassel zu ermorden. Im Ermessen unseres erhabenen Gottes hat das Schicksal meinen einzigen 21-jährigen Sohn Halit auserkoren.

Wir hatten keinerlei offene Rechnungen und Bekanntschaften mit diesen brutalen Menschen. Sie haben einzig und allein meinen Sohn Halit ausgewählt, weil er ein Türke ist. Wäre die Wahl nicht auf Halit getroffen, hätte man mich, Sie oder Ihre Kinder ermordet, denn in Kassel sollte ein Türke erschossen werden!

Deshalb haben alle in Kassel und Umgebung lebenden Türken – ich inbegriffen – eine Lebensschuld an Halit.

Diese Lebensschuld werden wir versuchen zu begleichen, indem wir jedes Jahr am 06. April um 15:30 Uhr hier am Halit Platz uns versammeln und an ihn gedenken, denn dieses SCHICKSAL hätte jeden von uns treffen können.

Daher betrifft es uns alle.

Hitler hat wegen seinem Hass auf Juden unter dem Deckmantel einer reinen deutschen Rasse Millionen von Menschen töten lassen. Dieses wurde in der Geschichte von Deutschland zu einem schwarzen Schandfleck. Es wurde viel im Laufe der Zeit als Wiedergutmachung und für die Befreiung von diesem Schandfleck getan. Im Grundgesetz heißt es sogar, dass niemand wegen seinem Geschlecht, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden darf.

Fakt ist allerdings, dass die Mordserie seit dem Jahr 2000 genau gegensätzliches aufzeigt. Seit 2000 wurden Menschen getötet, weil Sie Ausländer sind, unter Ihnen auch mein Sohn Halit, der während er seine Hausaufgaben machte, erbarmungslos durch Ausländerfeinde erschossen Wurde.

Das Getane war und ist unzureichend. Der Ausländerhass hat überlebt und wütet weiterhin unter uns.

Ich habe viel nachgedacht, wie ich die kommende Generation vor braunem Gedankengut und den Folgen daraus schützen kann. Es müsste etwas sein, was diese grausamen Morde niemals vergessen lässt und immer gegenwärtig bleibt, um immer ein wachsames Auge zu haben. Deshalb haben wir eine Lebensaufgabe für uns definiert – die Umbenennung der Holländischen Straße in
Halit Straße.

– Zum einen ist Halit ist in der Holländischen Straße geboren, hat dort gelebt und wurde dort brutal ermordet.
– Zum anderen ist die Holländische Straße eine stark befahrene und lang erstreckende Straße. Sie stellt dabei einen Lebensmittelpunkt für viele Menschen dar.

Mit einer Umbenennung in Halit Straße bin ich fest davon überzeugt, dass viele sich fragen werden, wie die Namensgebung stattgefunden hat. Somit werden diese grausamen Morde niemals in Vergessenheit geraten und das wachsame Auge weiterhin gestärkt.

Leider bin ich ebenfalls fest davon überzeugt, dass mit dem Halit Platz und der Haltestelle meine Beweggründe unzureichend erfüllt sind. Ich rufe von hier alle autorisierten Personen in Berlin, Wiesbaden, Kassel und alle Bürger und
Bürgerinnen in Kassel dazu auf, uns bei der Erfüllung unserer Lebensaufgabe zu unterstützen.

Schaffen wir gemeinsam ein nachhaltiges Instrument für ein wachsames Auge gegenüber unserer zukünftigen Generation mit der Umbenennung der Holländischen Straße in Halit Straße. Mit Ihrem Beitrag zur Erfüllung unserer Lebensaufgabe, teilen Sie auch den Schmerz, den wir fortwährend fühlen und tragen dazu bei, dass dieser hoffentlich irgendwann auch weniger werden wird.

(…) Sehr geehrte Freunde und Gäste, vielen Dank, dass Sie alle hierher erschienen sind und uns Ihr Gehör geschenkt haben.

Halits Mutter hat türkisches Süßgebäck gebacken. Wir freuen uns, wenn Sie davon kosten.“ (Quelle: initiative6april.files.wordpress.com)

Semiya Şimşek

Semiya Şimşek hat mit ihrem Buch „Schmerzliche Heimat: Deutschland und der Mord an meinem Vater“ ihrem Vater ein Denkmal errichtet. Im Folgenden ein Auszug:

„Von 1980 bis 1982 diente mein Vater bei der Armee in Ankara, in diesen Jahren haben sie (Semiyas Vater Enver und ihre Mutter Eilif Şimşek) sich kaum gesehen. Aber er hat ihr viele Gedichte geschrieben, häufig auf die Rückseiten von Fotos, die seine Kameraden von ihm gemacht haben. Auf einer dieser Aufnahmen liegt er in Uniform auf einer Wiese, die Rückseite des Bildes hat er ganz eng in seiner schönen Handschrift beschrieben (…):

Mein Herz ist schwer. Ich habe den Wunsch, dich zu sehen. Wenn ich Leuten begegne, die dich gesehen haben, dann will ich sie immer wieder fragen, wie es dir geht. Ich träume von dir. Ich bin so weit von dir entfernt, aber ich fühle dich immer in mir. Alle Leute, die mich mögen, sollen dieses Bild gut aufbewahren, es ist ein Erinnerungsstück von mir für euch: Wenn ihr an mich denken wollt, dann schaut euch die Bilder von mir an und seid nicht traurig, dass ich nicht da bin.

Dieses Gedicht und einen ganzen Packen weiterer Liebesbrife habe ich erst vor fünf Jahren entdeckt. Ich war in der Türkei und ging seit langem wieder in das Haus, das mein Vater in seinem Heimatdorf gebaut hatte, seit seinem Tod hatte ich es nicht mehr betreten. In einem Zimmer stand die Brautkiste meiner Mutter, in der sie nach türkischer Tradition ihre persönlichen Sachen aufbewahrte. Ich habe hineingesehen, und es waren Teller, Handrücher, Aussteuer darin – und ein ganzer Ordner mit den Briefen meines Vaters. (…) Einen dieser Briefe hat er genau hundert Tage vor dem Ende der Militärzeit verfasst, und er beschreibt darin, wie sehr er sich auf das Wiedersehen freut. Zwischen die Absätze hat er kleine Gedichte eingefügt, eines heißt: „Ich werde zurückkommen“.

Schau dir mal dieses Schicksal an, was hat es mit mir gemacht: Das Schicksal hat mich ganz woanders hingeschickt als dich – und ich habe Sehnsucht nach dir! Aber bitte weine nicht, ich komme zurück! Aus wenn die Tage elend langsam vorübergehen – ich trage ein Bild von dir in mir. Und für den Fall, dass mir etwas passieren sollte, trag auch du ein Bild von mir in dir. Wenn ich an dich denke, kommen mir die Tränen. Aber ich komme zurück! Und es dauert gar nicht mehr so lange.

(…) Es ist schön, diese Briefe zu lesen – zugleich aber auch schmerzhaft wegen all dem, was dann geschehen ist. Diese Briefe stehen am Anfang eines gemeinsamen Lebens, das noch so lange hätte dauern sollen, und Vater hatte noch so viele Ideen für die Zukunft meiner Mutter. Er hat nie einfach nur für sich geplant, sondern immer auch für sie und für uns. Meine Eltern waren sicher, dass sie sich niemals trennen würden, und diesem gemeinsamen Leben haben sie ein schönes Zeichen gesetzt: Mein Vater hat in Salur ein Grundstück gekauft und darauf zwei Zedern gepflanzt, gemeinsam mit meiner Mutter. Den Baum, der meinen Vater symbolisiert, hat meine Mutter in die Erde eingesetzt, und umgekehrt. Die beiden Bäume stehen sich dort nun über seinen Tod hinaus gegenüber. Immergrün. Und sie wachsen.“

Weitere Informationen zu Ingo Hasselbach und den seit 1945 durch Rechtsextreme ermordeten Menschen finden Sie im Beitrag Die „Rattenlinien“ von Strauß über Mielke bis Meuthen auf diesem Blog.

Weitere Geschichten über Rechtsextreme und ihre Emphatielosigkeit finden Sie in den Beiträgen Edda Göring – Das Blut der Nazis ist dicker als die Tränen der JudenDie „Rattenlinien“ des Horst Mahler und Gudrun Himmler – Blut ist dicker als Tränen, immer noch auf diesem Blog.

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