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Greta Thunberg ist eine 16-jährige, schwedische Klimaschutzaktivistin. Beim Klimagipfel hielt sie eine eindrucksvolle Rede. Bekannt wurde sie durch einen von ihr initiierten Schulstreik, um auf die Klimasituation aufmerksam zu machen. Der Streik findet international NachahmerInnen. Bei der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos hat sie “Panik” vor dem Klimawandel gefordert und am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus an den Holocaust erinnert.

Rechtspopulisten und -extreme, die sonst selbst ständig Panik vor angeblicher “Massenzuwanderung”, “Islamisierung” und “Geburtendschihad” schüren, überboten sich mit Scheinargumenten durch Angriffe auf Greta Thunbergs persönliche Umstände (bei ihr wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert), um sie in der öffentlichen Meinung in Misskredit zu bringen und eine echte Diskussion zu vermeiden.

Die Reaktionen der Kritiker dieser Argumenta ad hominem sind sich einig in Bezug auf die vermeintlich dahinter stehenden Motive: „Greta hat Recht. Ihre Kritiker haben Angst.“, meinen „Volksverpetzer“ und die „taz“. „Übermedien“ diagnostiziert eine „unbändige Wut Erwachsener auf Jugendliche, die sich engagieren“. Es geht um einen Wettkampf des Populismus: „Wem gehört die Angst?“, argumentiert Dr. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg. (Quellen: volksverpetzer.de, taz.de, uebermedien.descilogs.spektrum.de)

Doch so einfach ist es nicht. Es steckt viel mehr dahinter.

Im Folgenden zunächst einmal die Dokumentation der Argumenta ad hominem einiger AfD-Politiker und deren Anhänger gegen Greta Thunberg, die Anlass zu den Vermutungen geben, deren „Kritiker“ seien lediglich emotional motiviert:

„Orphan – Das Waisenkind“ ist ein US-amerikanischer Psycho-Horror-Thriller aus dem Jahr 2009. Der Film handelt von dem Ehepaar Coleman, das nach der Totgeburt seines dritten Kindes ein Mädchen namens Esther adoptiert. Die Ehefrau findet heraus, dass Esther eine bereits 33 Jahre alte Frau und eine psychopathische Mörderin ist. Durch eine Hormonstörung, die das Wachstum hemmt, hat Esther das Aussehen eines Kindes. Die gesamte Familie Coleman gerät in Gefahr.

Auch AfD-nahe Blogs wie die von Henryk M. Border und Roland Tichy schlossen sich der Hetze gegen Greta Thunberg an:

In diesem Beitrag steht geschrieben:

„Mit dem Missbrauch Minderjähriger kennen sich die Grünen aus. Als einen Akt sexueller Emanzipation haben sie die Pädophilie in den Gründungsjahren ihrer Partei verteidigt, bisweilen zelebriert. (…)

Die verklemmten Grünschnäbel sind längst rechtschaffen verspießert. Züchtig bedecken sie die Enkelchen, bevor sie sie am Strand fotografieren. Schon die Ahnung der Sünde bringt die grünen Betschwestern in Rage. Mit den Päderasten von einst haben sie nichts mehr im Sinn. Insofern mögen sie der eigenen Geschichte glücklich entkommen sein. Wie aber verhält es sich mit dem Missbrauch Abhängiger überhaupt? Gibt es doch neben der sexuellen auch eine geistige Unzucht: die ideologische Vergewaltigung Unmündiger.

Wo die Argumente versagen, werden die Schutzbefohlenen zur emotionalen Stimmungsmache mobilisiert, heute wie einstmals und gerade wieder zum allwöchentlichen „Schulschwänzen für das Klima“. Abermals handelt es sich dabei um eine geistige Vergewaltigung, die umso schwerer wiegt, als sie eine mediale Aufmerksamkeit erregt, die der Verführung Vorschub leistet. Fasziniert von dem Interesse der Öffentlichkeit, sind die Jugendlichen der ideologischen Indoktrination geradezu hilflos ausgeliefert. (…)

Auf diesen Missbrauch der Minderjährigen haben sich die Grünen wie alle Ideologen seit jeher verstanden, ihm bis heute nicht abgeschworen. Weiter müssen sie sich geistige Unzucht vorhalten lassen.

Wie die sexuelle mag sie nicht jedes Opfer fürs Leben schädigen, eine fortwirkende Bedrohung der intellektuellen Freiheit stellt sie allemal dar.“

Henryk M. Broder selbst ließ sich auf einem Vortrag vor der AfD-Fraktion im Bundestag am 29. Januar sogar zu diesem Satz hinreißen:

„Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.“

Olaf Opitz schrieb bei „Tichys Einblick“ von Roland Tichy mit Blick auf protestierende Schüler:

„Vielleicht bräuchten diese verwöhnten Bio-Kids mal einen Eis-Winter wie im Januar 1979, wo ihre Windmühlen bei Eisregen und minus 20 Grad einfrieren, Solaranlagen unter einer dicken Schneedecke liegen. Dann wird in Großstädten und ganzen Bundesländern der Strom abgeschaltet oder das Netz bricht gleich zusammen. Dann ist Schluss mit Smartphone daddeln und das Kinderzimmer wird zum Eisschrank. Für solche Erkenntnisse braucht man jedoch Lebenserfahrung. Aber die ist ja heute völlig überbewertet.“

Durch welche Geisteshaltung werden solche – vermeintlich lediglich emotionalen bzw. Emotionen ansprechende – Reaktionen noch ausgelöst?

„Naturschutz ist Heimatschutz“ – völkischer Rechtsextremismus im Naturschutz

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Götz Kubitschek auf seiner „Ritterburg“ in Schnellroda

Der neurechte Ideologe Götz Kubitschek lebt lieber auf dem Land, wo es „herrliche Kämpfe“ in der Dorfkneipe gibt „und Dreck an den Stiefeln“. Wo die Menschen noch lebten „wie vor fünfzig Jahren“. Also hockt Kubitschek da, im Stall, und lässt die Ziegenmilch vom Euter in den Kochtopf spritzen, damit seine nach den Helden germanischer Sagen benannten Kinder sie am nächsten Morgen über ihr Müsli schütten können. Der thüringische AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke hat seinen Vortrag, in dem er das Reproduktionsverhalten von Afrikanern implizit mit dem von Mäusen und Kaninchen gleichsetzte, bei Kubitscheks Institut für Staatspolitik in Schnellroda gehalten. Höcke ist ein Duzfreund von Kubitschek, er sagt, Schnellroda sei für ihn ein „Ort der geistigen Regeneration“, er empfange dort sein „geistiges Manna“. Auch Thomas Tillschneider, AfD-Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Anhalt, hat bereits in Schnellroda referiert. Und AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen war bereits im Sommer da.

Auch dieses Jahr bekam die Akademie prominenten Besuch: Alexander Gauland sprach am 19. Januar in Schnellroda. In der ersten Reihe saßen die „Flügel“-Chefs Björn Höcke und Andreas Kalbitz. Der Partei-Senior sprach über Populismus: „Wenn die Globalisten sich durchsetzen, werden viele Dinge verschwinden und niemals wieder kommen, die unser Land und unseren Erdteil lebenswert machen.“ Das „neue revolutionäre Subjekt“ der „Globalisten“ sei der Migrant, die „Gretchenfrage unserer Epoche“ die Migration. „Die ganze Panik um den angeblich menschengemachten Klimawandel ist nur der Begleitlärm“, meinte Gauland, „ebenso wie die ständig frisch und eiternd gehaltene Wunde der Schuld der weißen Männer im Allgemeinen und der Deutschen im Besonderen.“ Schon Adolf Hitler hatte in seiner Siemensstadt- Rede 1933 gegen „eine kleine, wurzellose, internationale Clique“ Front gemacht. Und Gauland ist wie auch andere AfD-Funktionäre bereits häufig mit antisemitischen Reden aufgefallen.

Der sächsische Europawahlkandidat der AfD, Maximilian Krah, sollte neben Gauland den zweiten Vortrag an diesem Wochenende halten. In Schnellroda trifft sich der völkische rechtsextreme Rand der AfD, ein großer Teil der Personen, die im Bericht des Verfassungsschutzes am häufigsten erwähnt werden und zum „Flügel“ gehören, die der Verfassungsschutz zum „Verdachtsfall“ erklärt hat. (Quellen: faz.net, staatspolitik.de, sezession.dezeit.de, berliner-zeitung.denetzpolitik.org, tagesspiegel.de, mdr.de)

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Wohnhaus von Björn Höcke und seiner Familie in Bornhagen

Rechtsextreme völkische Siedler wie Götz Kubitschek und Björn Höcke, auch seine vier Kindern tragen nordische und germanische Namen, sind im gesamten Bundesgebiet ein präsentes Problem. Umweltpolitik und ökologisches Denken werden in Deutschland oft mit einem emanzipatorischen politischen Weltbild verbunden. Tatsächlich hat in Deutschland die Verbindung von ökologischen Themen mit einem rechtsextremen Weltbild eine lange Tradition, die vor allem im völkischen Teil des rechten Spektrums zu verorten ist. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Wahrnehmung der Natur von einem romantisierenden, anti-modernen und anti-aufklärerischen Blick geprägt. Naturwissenschaftliche Annahmen wie die Darwinsche Evolutionstheorie wurden auf soziale und bevölkerungspolitische Phänomene übertragen:

Durch eine „naturgemäße Lebensgestaltung“ von Siedlern sollte die „Volksgemeinschaft“ im Kleinen hergestellt und die „Arterhaltung“ gesichert werden. Neben der Pfege „arteigener Sitten“, wie beispielsweise als „germanisch“ gedeuteter Rituale, und einer „deutschgläubigen“ Spiritualität gehörten hierzu auch eugenische Gedanken gegenüber angeblich „artfremden“ Minderheiten. Während die völkische „Schicksalsgemeinschaft“ durch rassistische und antisemitische Grenzziehungen nach Außen konstruiert wurde, wurde sie im Inneren durch antifeministische Einstellungen und starre Geschlechterrollen gefestigt: Für eine völkische Zukunft braucht es völkisch wünschenswerte Kinder, und diese zu reproduzieren, ist Aufgabe der Frau. Ihre oberste und mitunter einzige Aufgabe. Im Slogan „Naturschutz ist Heimatschutz“ der völkischen Bewegung fndet diese Verbindung ihren politischen Ausdruck. Seitdem sind ökologische Themen fester Bestandteil des politischen Programms rechter bis rechtsextremer Weltanschauungen.

Die völkische Bewegung brauchte nicht lange, um nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Hilfreich waren hierfür besonders die zahlreichen „völkischen Sippen“, die über Jahrzehnte den völkischen Geist aufrechterhalten
konnten und ihre Kinder in diesem Sinne erzogen. Rechtsextreme Jugendbünde wie die Wiking-Jugend, in deren Zeltlagern Kinder indoktriniert wurden – auch Andreas Kalbitz war zumindest einmal dabei, knüpften ebenso an die Vorkriegs- beziehungsweise NS-Zeit an wie „deutschgläubige“ Sekten wie der Bund für Gotterkenntnis, der sich auf die Schriften des Ehepaars Erich und Mathilde Ludendorff bezieht. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1937 übernahm Mathilde Ludendorfff die Leitung des Bundes. Die von ihr postulierte „Deutsche Gotterkenntnis“ basierte auf einer mit psychologischen Versatzstücken angereicherten Rasseideologie, die sie zusätzlich durch ihre metaphysischen „Erkenntnisse“ zu Natur und göttlicher Ordnung religiös auflud. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es ihr, die Ludendorff-Bewegung wiederaufzubauen, an dessen Tagungen auch viele Alt- und Neonazis teilnehmen.

Aktuell bemüht sich das rechte Projekt „Ein Prozent für unser Land“, Familien für die Idee der rechten Raumergreifung zu gewinnen. Die Crowdfunding-Plattform verbindet die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ und das von Götz Kubitschek geleitete Institut für Staatspolitik mit äußerst rechts stehenden AfD-Funktionären und dem Querfront-Magazin Compact. Das Rittergut von Kubitschek im sachsen-anhaltischen Schnellroda ist zu einem Zentrum völkischer Siedler und zu einem Chiffre für den Rechtsruck der AfD geworden, zu einem ideologischen Zentrum. Schnellroda steht für ein anderes Deutschland. Für ein Milieu, in dem die Lebensart von Kubitschek mindestens so wichtig ist wie seine Worte. (Quellen: naturfreunde.de, amadeu-antonio-stiftung.deamadeu-antonio-stiftung.de, ndr.de, zeit.de, tagesspiegel.de)

Doch auch wenn die völkische Ideologie von Götz Kubitschek maßgeblich die des „Flügels“ der AfD um Alexander Gauland, Björn Höcke, Andreas Kalbitz und Thomas Tillschneider bestimmt – der laut Gauland bei 40 % der AfD-Mitglieder Zustimmung findet – wird diese in der politischen Praxis in Umweltfragen von einer anderen Geisteshaltung „überlagert“.

Klimaskepsis, Fake News und „Libertäre“

Alternative Medien,  Blockchain und „Libertäre“ 

In den USA nennt man die politische Richtung, die sich für für einen möglichst unregulierten Markt und so wenig Staat wie möglich einsetzt – auch in Umweltfragen -, „Libertarian“. In Europa wurde diese Idee von dem österreichischen Ökonomen Friedrich August von Hayek vertreten. Anhänger libertärer Ideen haben sich sowohl in den USA als auch in Deutschland zum rechten Rand hin geöffnet. In Deutschland haben Mitglieder der Hayek-Gesellschaft wie Alice Weidel, Beatrix von Storch und Peter Böhringer im Juli 2015 50 liberale „Libertäre“ zum Austritt gedrängt.

Die „Libertären“ sind moderner als die völkischen Siedler: Bereits heute betreibt von Storch ein Internet-Imperium rund um den Verein Zivile Koalition, der mittels zahlreicher Internet-Auftritte wie FreieWelt.net agiert. Mit ihren Aktivitäten auch in den sozialen Medien schreckt von Storch selbst vor Fake News nicht zurück.

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Beatrix von Storch auf der AfD-Veranstaltung “Das Geldsystem, Gold & Bitcoin” in Berlin

Die Blockchain könnte die Technologie der Idee einer Welt ohne staatliche Aufsicht ermöglichen. Nach der Finanzkrise 2008 verloren die Geldinstitute massiv an Vertrauen. In der Digitalszene wurde schließlich die Idee des Bitcoin entwickelt – eine Währung, die ohne Banken funktioniert, und zwar pseudonym: Jede Transaktion ist über die die große Datenbank Blockchain zwar nachvollziehbar – nicht aber, wer hinter welcher Wallet steckt. Daher haben die Krypto-Währung vor allem Kriminelle und Verschwörungstheoretiker mit antisemitischer Gesinnung entdeckt, die an eine Übermacht eines jüdisch geprägten Finanzsystems glauben. Der Investor George Soros, der über seine Open-Society-Foundation linksliberale politische Projekte finanziert, gilt vielen von ihnen als Verkörperung des Bösen. In Bitcoin und anderen Digitalwährungen erhoffen sie sich eine Welt, die ohne die von ihnen verhassten Zentralbanken funktioniert.

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Alice Weidel auf der AfD-Veranstaltung “Das Geldsystem, Gold & Bitcoin” in Berlin

Die Libertären der AfD wie Alice Weidel und Beatrix von Storch hingegen hängen an ihrer alten Heimat und erwägen, den globalen Bitcoin als nationale Währung zu etablieren. Zudem ließen sich verdeckte Parteienfinanzierungen – anders als aktuell – zuverlässig kaschieren. Im Januar 2017 z. B. referierten beide auf der AfD-Veranstaltung “Das Geldsystem, Gold & Bitcoin” in Berlin. Steffen Krug eröffnete und moderierte den Abend. Krug ist, wie alle anderen Redner an diesem Abend, glühender Anhänger der Österreichischen Schule, zu der auch Friedrich August von Hayek gehörte. Im Februar 2018 gab Alice Weidel sogar bekannt, dass sie ein Bitcoin-Startup gründen will und bezeichnete sich selbst als „Bitcoin-Entrepreneurin“.

Anfang Juni 2018, wenige Tage nachdem Beatrix von Storch bei der Jungen Alternative (JA) in Berlin zu Kryptowährungen referiert hatte, trafen sie und Alice Weidel sich in einem Züricher Hotel mit dem früheren Chefstrategen des US-Präsidenten Donald Trump, Steve Bannon. Aus Weidels Büro hieß es, für sie seien besonders Bannons Erfahrungen mit alternativen Medien interessant gewesen. Bannon leitete von 2012 bis 2016 und von 2017 bis 2018 die Website Breitbart News NetworkBreitbart News gilt als eines der wichtigsten Sprachrohre der Alt-Right-Bewegung (Alternative Right). 2017 zählte Breitbart zu den weltweit 250 meistbesuchten Websites; in den USA lag die Seite auf Platz 35 und damit vor der Washington Post. Nach seinem Treffen mit von Storch und Weidel sprach Bannon in Zürich auf einer Veranstaltung der Wochenzeitung „Weltwoche“. Er habe die Schweiz als wichtigen Standort für Kryptowährungen für seine erste Rede in Europa ausgewählt. „Wir nehmen den Zentralbanken die Kontrolle weg. Das wird uns wieder die Macht geben.“ (Quellen:  t3n.deerklaerung-leipzig.de, coinspondent.defacebook.comfacebook.comdeutsche-startups.defacebook.comzeit.de, faz.net, netzpolitik.org, spiegel.de)

Klimaskepsis, Fake News und „Libertäre“

Der heutige Rechtsnationalismus hat seine Wurzeln ganz und gar in den Desinformationskampagnen der Klimaleugner. Er nutzt dieselben Strategien und Waffen, die im Kampf gegen Klimaschutzmaßnahmen geschmiedet wurden. Selbst die Akteure sind häufig dieselben. Nachdem die Klimaleugner mit der Klimawissenschaft auch gleich das wissenschaftliche Weltbild entsorgt haben und damit die Basis des demokratischen Diskurses, kann man nun behaupten, was man will. Zum Beispiel, dass Obama in Wahrheit ein Muslim sei oder Hillary Clinton einen Kinderporno-Ring betreibe (‚Pizzagate‘). Die Rechtsnationalisten können so online den Anschein erwecken, dass die traditionellen Medien bloß einer korrupten Elite das Wort redeten, während sie selbst unmittelbarer Ausdruck des Volkswillens seien.

Die fossile Industrie finanziert daher nicht nur die Klimazweifler und deren absurde pseudo-wissenschaftliche Gegenbeweise gegen den Klimawandel, sondern auch den aus ihr entwachsenen Rechtsnationalismus: Allein 2015 gaben Shell und ExxonMobil zusammen mit den großen Öl-Handelsassoziationen mehr als achtzig Millionen Euro für den Klimaleugnungs-Lobbyismus aus – die Koch-Brüder gar 325 Millionen – um klimaskeptische Propaganda und rechtsnationale Meinungen zu verbreiten. Ihr Gebernetzwerk hatte 2016 ein Budget von sagenhaften 889 Millionen Dollar, um die Republikaner unter anderem mit PR und data-driven technology zu unterstützen.

Bereits seit mehreren Jahrzehnten organisierten Energiekonzerne und konservative Medien Desinformationskampagnen, um Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu säen. Exxon sagte bereits 1981 in einem „CO2-Positionspapier“ voraus, dass die erwartete Verdopplung der CO2-Konzentration in den nächsten hundert Jahren zu einem globalen Temperaturanstieg von drei Grad Celsius führen werde. Mehr als eine Million Dollar wurde in ein Tankerprojekt gesteckt, das herausfinden sollte, wie viel CO2 von den Ozeanen absorbiert wird.

Trotz dieses Wissens weigerte sich das heute weltweit größte Öl- und Gasunternehmen Jahrzehnte hindurch, den Klimawandel öffentlich anzuerkennen – im Gegenteil: ExxonMobil förderte Klima-Desinformationskampagnen, und gründete eine Unzahl von scheinbar seriösen Instituten. “Merchants of Doubt” belegte dann, wie einige Wissenschaftler im Interesse der Wirtschaft für die Öffentlichkeit den Anschein erwecken, als gäbe es wissenschaftliche Differenzen über bereits entschiedene Fragen. Die Motive: Geld und Wichtigtuerei, und, dass man politisch oder religiös einem Standpunkt verbunden ist.

In erster Linie sollen Zweifel an den Ursachen des anthropogenen Klimawandels geweckt werden. Eingeräumt wird, dass es zwar eine globale Erwärmung gibt, aber widerstreitende Theorien darüber, was die Ursachen sein könnten. Oder, dass man Modellen nicht vertrauen könne und noch abwarten müsse, bis sie besser seien. Der Sinn dieser Taktik ist, Zeit zu gewinnen. Dieser Zeitgewinn ist dann genau der Gewinn der interessierten Unternehmen, die diese Think Tanks finanziell unterstützen. Ein weiterreichendes Ziel ist aber, überhaupt die wissenschaftlichen Grundlagen für Umwelt- und Gesundheitsschutz zu unterminieren, indem man generell Wissenschaftler in diesen Bereichen unglaubwürdig macht.

Zweifelhaften „Experten“ versuchen nicht nur die Ursachen des Klimawandels, sondern auch die damit verbundenen Gesundheitsgefahren kleinzureden. Anfang 2019 veröffentlichte in Deutschland Dieter Köhler, ein Mediziner, Hochschullehrer und Ingenieur, ein Positionspapier, in dem er die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen Gesundheitsorganisationen geteilten Ansichten zu den Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide bestritt und die geltenden Obergrenzen an Stickoxiden in Frage stellte. Koautoren des Positionspapiers sind der lange in der Automobilindustrie tätige Ingenieurwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Koch und der Institutsleiter des Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden Prof. Dr.-Ing. Matthias Klingner. 113 Personen bzw. ca. 3 % von rund 3800 angeschriebenen Personen, größtenteils Lungenärzte, unterzeichneten das Positionspapier mit. Die Stellungnahme erzielte große öffentliche Aufmerksamkeit. Politiker von CSU, FDP und AfD begrüßten die Aussagen und forderten die Aussetzung der Grenzwerte.

Mehrere Wissenschaftler und medizinische Organisationen kritisierten die Aussagen des Positionspapiers scharf. Der Pneumologe und Gründer des insaf Institut für Atemwegsforschung in Wiesbaden, Kai Michael Beeh, kritisierte, dass in dem Aufruf weder wissenschaftliche Argumente zu finden noch wissenschaftliche Studien zitiert, sondern einfach nur bloße Behauptungen aufgestellt worden seien. Zudem übte er deutliche Medienkritik für die Art der Berichterstattung über den Aufruf, bei der die „Bild“ forschende Wissenschaftler der Lüge bezichtigt habe. Der Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter stellte fest: Dadurch, dass sich die Unterzeichner, obwohl sie keine Epidemiologen und damit nicht qualifiziert für die getätigten Aussagen waren, „zu Unrecht ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt haben“, sei ein großer Schaden entstanden.

Aber auch Russland mit den größten Kohle-, Öl- und Gasreserven der Welt muss Klimaschutzmaßnahmen und fallende Ölpreise fürchten, also ist Russland längst in den Informationskrieg eingetreten. Man hat aus dem einst netten Russia Today TV einen Kampfkanal gemacht, und die offene Gesellschaft des Westens damit unter Beschuss genommen. Laut Mark Warner, dem führenden Demokraten im Geheimdienstausschuss des US-Senats, kämpften nicht weniger als 1.000 bezahlte Internet-Trolle aus russischen Einrichtungen im amerikanischen Wahlkampf und entfachten eine Gegenöffentlichkeit, die es ohne sie nie gegeben hätte. 1,4 Millionen Tweets mittels 2.752 menschlich gesteuerter Accounts und 36.000 Bots veröffentlichten russische Propagandisten – auf Facebook und Instagram erreichten ihre Inhalte knapp 150 Millionen Amerikaner.

Wohl kaum jemand in der AfD hegt eine so große Faszination für Osteuropa wie Markus Frohnmaier, Bundestagsabgeordneter und bis zum Einzug in den Bundestag Sprecher von Alice Weidel. Regelmäßig reist er nach Moskau und Belgrad und tritt dort unter anderem auf Einladung nationalistischer Parteien und Thinktanks auf. Gemeinsam mit dem ultrarechten Publizisten Manuel Ochsenreiter hat er das „Deutsche Zentrum für Eurasische Studien“ gegründet, einen Verein, der Wahlbeobachter-Missionen in russlandnahe Regionen wie die Ostukraine organisiert. Als Fachreferent für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier war er erst im September 2018 im Schadow-Haus des Bundestags eingezogen. Nun wirft ihm ein Mann öffentlich vor, einen Brandanschlag in der Ukraine beauftragt, geplant und finanziert zu haben. Daraufhin trennte sich Frohnmaier von seinem engen Berater Ochsenreiter. Immerhin schaut der Verfassungsschutz jetzt ganz genau hin.

‚Green is the new red‘

Das globale Versagen, Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu ergreifen, und der erstarkende Rechtsnationalismus sind zwei Seiten derselben Medaille. Der seit Jahren um den Klimawandel ablaufende Informationskrieg ist nur so zu verstehen. Ein Krieg, der in Amerika mit den Desinformationskampagnen begonnen hat, die den anthropogenen Ursprung des Klimawandels bestreiten. Seinen vorläufigen Höhepunkt fand er mit den russischen Fake-News-Kampagnen zugunsten Donald Trumps im amerikanischen Wahlkampf, ein Krieg gegen die demokratische Öffentlichkeit und deren konstitutiven Glauben an die rationale Diskussion.

Diese Untätigkeit angesichts der Erderwärmung, ist der erste große Sieg in einer Schlacht, die sich mittlerweile zu einem 30-jährigen Informationskrieg ausgeweitet hat – angezettelt und geführt von den fossilen Großkonzernen, die sich nicht vom Klimawandel, sondern von den Klimaschutzmaßnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen bedroht fühlen. Ihr Ziel: den längst in der Bevölkerung herrschenden Konsens über Klimawandel und notwendige Maßnahmen mittels Fake News zu untergraben. Mit verheerenden Auswirkungen: Einer aktuellen Studie des Pew Research Center zufolge glauben weniger als 16 Prozent der US-amerikanischen Wähler der Republikaner, dass es einen starken wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel gibt.

Und jetzt kommt es: Die ideologische Aufladung des Themas: Jetzt (nach dem Fall der Mauer) erkennt ein Teil der Republikaner den neuen Gegner im Innern. Jetzt heißt es: ‚Green is the new red‘. Aus Klimaschützern wurden Öko-Sozialisten, mit Überregulierungsfantasien und Weltbeherrschungsutopien. Gegenprogramm: „America first!“ Schulterschluss der Ölindustrie mit den marktradikalen und rechtsnationalistischen Kräften, aus denen der ultrakonservative Republikaner-Flügel der Tea Party und schließlich auch Trump hervorgingen (Quellen: faktenfinder.tagesschau.deagentur-zukunft.eu, zeit.de, zeit.dewikipedia.org)

Fazit

Sowohl emotionale bzw. Emotionen ansprechende als auch rationale bzw. die Ratio ansprechende Motive sind die Hintergründe der Anfeindungen gegen Greta Thunberg. Die Methode der Argumenta ad hominem hat einen Bezug zu Emotionen aufgrund der ideologische Aufladung des Themas: ‚Green is the new red‘. Gleichzeitig steckt hinter diesen Anfreindungen ein kühl kalkuliertes Vorgehen, um Menschen wie Greta Thunberg, die ihre Positionen auf wissenschaftlich fundierte Fakten basieren, jegliche Glaubwürdigkeit abzusprechen. Gefährlich ist dieses Vorgehen insbesondere durch die systematische Nutzung alternativer Medien mit großer Reichweite und der Möglichkeit Fake News zu verbreiten. Zukünftig werden sich zu dieser Gefahr auch bei der AfD noch stärker Internet-Bots und die Blockchaintechnologie gesellen, die verdeckte Finanzierungen zuverlässig möglich macht. Mit Steve Bannon hat hat der marktradikal-rechtsextreme Flügel um Alice Weidel und Beatrix von Storch einen professionellen Berater gewonnen.

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