Was war ich nur für eine notorische Schulschwänzerin! Statt über den langweiligen Schulstoff zu brüten, lachte ich lieber an einem einsamen Teich über Ephrain Kishon oder sog eine mehrbändige Jesus-Biografie in mich ein: Ich wollte genauso gebildet werden wie dieser, der im Tempel von Jerusalem die Geistlichen mit seinem Wissen beeindruckt hatte. Statt im normierten Klassenraum zu sitzen, zeichnete ich lieber die schiefen Fluchten der Fachwerkhäuser in Bad Wildungen. Statt unter dem Schultisch Hausaufgaben abzuschreiben, grübelte ich lieber im Wald über eine Formel. Die sollte deutsche Wörter in italienische übersetzen. Meine Eltern hatten sich nie verstanden.

Mein Opa, Inhaber eines Friseursalons und Präsident der Friseurinnung in Venedig, hatte Giorgio, meinen Vater,  als seinen Nachfolger auserkoren, noch während dieser als Kind im Canale delle Sacche geschwommen war. Doch statt anderer Haare zu frisieren hatte sich Giorgio selbst eine Elvis-Tolle gegelt. Mit ihr hatte er in Deutschland als singender Gitarrist die Italo-Welle geritten. Die Frauen hatten zu „Marina, Marina, Marina“ entzückt die Hüften geschwungen, während ihre ondulierten Haare dem Impetus hartnäckig widerstanden.

So auch Marianne, meine Mutter. 1945 war sie von Königsberg über die Frische Nehrung nach Ostdeutschland geflohen. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“: Von diesem Satz hatte sie sich 1961 nach Westdeutschland treiben gelassen. Als Bardame in einem Etablissement in Nürnberg hatte sie meinen Vater kennengelernt, der dort engagiert war. Es folgten drei Kinder – und tägliche 16 Stunden, sieben Wochentage und elf Monate im Jahr das Balancieren von Tabletts mit kleinen, kalten Kugeln, während mein Vater Milch, Eier und Zucker zu Eis verrührte und kunstvoll aufeinander stapelte. Mein Schuleschwänzen fiel so nicht auf.

Während ich den Beruf einer Bauzeichnerin erlernte, verlegte ich die Vormittage ins eigene Bett. Das stand in einem dunklen Kellerzimmer mit feuchten Büchern. Hierher war ich mit 18 Jahren aus dem Fenster vor der südländischen Wut meines Vaters geflohen, dem mein Lotterleben zu Ohren gekommen war. Die Nächte verbrachte ich tanzend in Diskotheken, nach der Lehre zuweilen obdachlos und betrunken im Wald.

Manuela, eine entfernte Bekannte, nahm mich eines Tages mit in ein Kolleg, wo man das Abitur machholen konnte. Nach einem Eignungstest schickte man mich wieder nach Hause: Aufgrund meiner Leistungen durfte ich das erste Semester überspringen. Meine Schwerpunkte, Mathematik und Physik, ersparten mir später das Pauken. Vor Prüfungen galt es, nur einige Formeln auf dem Schulklo zu deponieren. Ansonsten bestand mein Studentenleben aus Wohngemeinschaften, wallenden Batikkleidern, lauten Open Air-Konzerten, rauchenden Joints, Gesprächen mit Künstlern bis in den frühen Morgen in der Bahnhofskneipe sowie spontanes Frühstücken in Paris am nächsten Abend.

Mein Studium der Physik scheiterte an mangelnder Übung mit konkreten Zahlen. Das Folgende der Psychologie drohte an überschwenglicher Lebenslust zu ersticken. Eine Psychotherapie half, mich zu disziplinieren. Bei einem Streit in einer Silvesternacht warf ich im Zorn die Habseligkeiten meines Partners aus dem dritten Stock in den schmutzigen Schnee. Am nächsten Morgen fand ich ihn in seiner Wohnung. Er hatte sich in den Kopf geschossen. Seine Kokosöl-Pomade roch noch lange Zeit im Hof.

„Ihnen fehlt die vorweg genommene Milieuzugehörigkeit“: Meine Bewerbungen als Unternehmensberaterin waren gescheitert – trotz Prädikatsexamens. Immerhin konnte ich Geschichten erzählen, am Telefon under-cover Menschen Informationen entlocken, die sie sonst keinem Fremden erzählten. Das Auspionieren von Unternehmen und die Animation von Managern zu Kündigungen lagen mir. Und ich war fleissig. So machte ich Karriere als Headhunter.

Dieter, einer meiner Kunden, wurde mein Ehemann. 15 Jahre später habe ich ihm geschrieben:

„Mein geliebter Exmann,

seit heute sind wir geschieden. Das macht mich sehr traurig. Vor fünfzehn Jahren hatten wir auf Mallorca in Banyalbufar geheiratet, 20 Kilometer von hier entfernt. Vielen Dank für alles, was Du für mich getan hast.

Du warst mein Beschützer, mein Kevin Costner, der mit scharfer Intelligenz und hartem Witz trübe Gedanken von mir fern gehalten hat. Unter Deiner Obhut war es immer warm, egal ob am Kamin in Berlin oder auf Mallorca im Winter, im Lexus Hybrid-SUV oder beim Wilderness-Camping in den Everglades.

Du warst mein Kamerad, der sich im neuen Milieu genauso wenig zu Hause fühlt und die alte Heimat verloren hat wie ich. „Ich fühle mich wie ein Soldat in viel zu großer Uniform“, hast Du im Silicon Valley zu mir gesagt. An mich hast Du geglaubt, einen erfolgreichen Headhunter aus mir werden lassen.

Sieben Jahre reichten bis zur hormonellen Normalität. Sieben Jahre sind häufig genug. Die Wärme Deiner Obhut und der Rückhalt Deiner Kameradschaft werden mir fehlen. Der Schwung ihrer sieben Jahre hat leider nicht ausgereicht, die Welle am Strand zu Ende zu reiten.

Ich wünsche Dir ewigen Wind, der Dich vor Flauten beschützt und eine neue Kameradin, die, sollte eine Baisse dennoch einmal eintreten, durch sie mit Dir hindurch paddelt.

Lebe wohl, Deine ehemalige Frau Patrizia“

Seither betäube ich meinen Schmerz mit Schreiben.

Wenn Sie auf das Photo klicken, gelangen Sie direkt zu den Kommentaren zu diesem Brief vom 23. Dezember 2016 auf Facebook:

Ein anonym bleiben wollender Kritiker schrieb mir direkt:

„Sie, Patrizia Trolese, haben es mit dem Brief an Ihren Exmann geschafft, einen recht abgebrühten Werbetexter und Auftragsschreiber ernstlich zum Weinen zu bringen. Erst zum zweiten Mal im ganzen Leben. Das ist richtig schön. Ehrlich, ergreifend und auf eine gute Weise ungewöhnlich.“

Noch Fragen? Zu meinen Leistungen oder Kosten? Sie möchten Kontakt zu mir aufnehmen? Ich freue mich auf Sie. Ihre

Patrizia Trolese

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